BEWERTEN
 

Sex and violence, melody & silence

»THE VERVE«

[16.01.98 - London, Brixton Academy]

Text: Autor unbekannt

Drei Uhr \"Oh, can you just tell me ...\", sechs Uhr \"... it's all right\", neun Uhr \"It's all right\", zwölf Uhr \"I just can't make it alone\", zwölf Uhr - Stillstand. Zwischen Zeit und Raum. Richard Ashcroft verharrt auf zwölf Uhr, den Blick irgendwo im Publikum versenkt. So sehr er heute nacht auch einer von uns war, so deutlich schimmert in diesem Moment der Mond hinter seinen Augen. Urban him, he's still a lunatic. Und weiter geht's im Kreis herum, drei Uhr, sechs Uhr, neun Uhr, die Gitarre wandert - der Wahnsinn wird zum Gleichmacher, \"Space & Time\" auf blanken Füßen zur Spirale ausgebaut, und wir folgen aus voller Kehle hingebungsvoll litanierend dem einsamen Popstar, 'cause he just can't make it alone.

Rilkes Panther als role model.
Rückblende: Ein DJ schiebt ein ordentlich Kniescheiben-kickendes Gebräu aus EasyListening, Latino und Big Beats über die Teller und gibt damit Versprechen, flüstert verheißungsvoll von dem, was kommt. Die Nadeln erzählen von Ausflügen nach gaaaanz weit draußen, wuchtigen Angriffen auf die Magengrube, aber auch von Seele, von Funk, vor allem aber von mit- und untereinandrigen Momenten, in denen die Musik Dir tief in die Augen schaut, den Arm um die Hüfte legt und mit Sandpapierstimme fragt: \"Willst du mit mir tanzen?\" Und dann anzählt: 10, 9, acht, 7, 6, fünf ... 3, nix 2, nix eins, nix ZERO. Von einem Augenblick auf den anderen steht man da, die Stirn auf ihren Schultern und in die Reflexionen der Lightshow in dem Grübchen hinter dem Schlüsselbein versunken - Glamour-Intimität. Derweil nölt eine Stimme \"The Northern Soul\", und eine Wand aus \"Space Echo\"-belegten Gitarren sorgt für Durchzug im Gehirn. Aber hallo. Die Band läßt die Türe gewaltig weit offen stehen, und keiner von uns käme jemals auf den Gedanken, sich zu beschweren, daß es zieht. Wir strecken einfach den Kopf heraus und lassen die Haare wehen. Auf dem Wind reitet Mr Ashcroft, ein britischer Sexgott mit Knickebeinchen und Henne Bertha-alike wedelnden Armen - Chickupido - und bringt seine Stimme ganz langsam auf Reiseflughöhe. Immer ganz vorne. Die Band hält sich im Hintergrund. Ashcroft verzichtet aufs Performen, diesmal geht es um Erfahrungen. Keine Show, kaum Ansagen. Nur Erfahrungen. Und die teilt er mit uns. Während andere Größen der britischen Popszene mehr und mehr in ihren eigenen Psychosen versinken, marschiert Ashcroft aus seiner heraus, geradewegs auf uns zu. Statt uns Phrasen vorzusetzen, werden die, die uns \"Urban Hymns\" gab, hier und heute randvoll mit Inhalten gefüllt. Er macht seine Songs zu unseren. \"So come on, come inside me / let's spread it all around.\"
Der Sound wächst sich in seiner haptischen Gewalttätigkeit zu einem psychedelischen Monster aus, statt Augen zwei riesige Potis, beide auf 11 aufgerissen. THE VERVE spielen die lauteste Band der Welt - und ihre Stimme, mittlerweile auf Level, zieht an den Fäden, um sich mit aufgeknöpftem Hemd von der Rhythmusgruppe an die Verstärker nageln zu lassen. \"Don't know which way I'm going to / The lights are on and I'm feeling blue / I hope I know which way I'm going to fly.\" \"Rolling People\" packt den Mob, rührt ihn, walzt ihn und knetet ihn, bis fiese kleine \"THE VERVE will beat OASIS\"-Bläschen herauskommen. Egal. Solange es keine \"THE VERVE will beat William Blake\"-Bubbels sind. Mitten im Set plötzlich leise, ganz ganz zarte Momente. Das Monster kriecht zurück ins Delay. An meinem Ohr \"Little\" Richard, mittlerweile auf dem Höhepunkt seiner Ausdrucksfähigkeit: \"And if you wanna show / then just let me know / And I'll sing in your ear again.\" Ashcroft fahrig, konzentriert, ruhelos, ausgeglichen ... präsent. Da. Ausgesprochen da. Und wenige Songs später plötzlich weg, ... wie die Streicher. Die wollen einfach nicht - schon gar nicht per Tastendruck. Man möchte ihm zurufen: \"You know I can change.\" Jawohl \"I can change\". Hallo, hallo, \"I can change\". Aber wo ist er? \"But I'm here in my mould, I'm here in my mould.\" Herrgottsakra. No \"Bitter Sweet Symphony\". Statt dessen \"Lycky Man\". Und wieder sind wir, ist der Pulk ein Mund. Geht auf und zu, streckt dann und wann einen Oberkörper, ein paar Beine wie eine Zunge heraus ... und fußballchort aus vollem Halse mit: \"It's just a change in me / something in my liberty.\" Ashcroft starrt willkürlich ein Gesicht in der Menge an. Bohrt sich hindurch. Den Mond im Blick. Eine gigantische Sprechblase über dem Kopf: \"... I watch you look at me, watch my fever growing.\"
Es folgen Zugaben. Wir bekommen doch noch \"Bitter Sweet Symphony\". Den Song des letzten Jahres, ... der THE VERVE zur größten britischen Band neben RADIOHEAD gemacht hat. Den Song, an dem sich dieses Jahr jeder Chartsanwärter der Insel wird messen müssen. Den Song, der Richard Ashcroft langsam, aber sicher aus dem Schatten des Mondes hervorgeholt hat. Den Song, den heute abend alle hören wollen. Der Mob pogt und dived auch hierzu. Amerika hat den Commonwealth kolonialisiert. Auf der Bühne macht Pop gerade Geschichte, und das Publikum cossovert als Fußnote derselben vor sich hin. Kommt wie in Zeitlupe. Kommt. \"Come On\". Das hagere Kerlchen am Bühnenrand legt seinen Kopf zurück und seine Seele auf die Zunge. \"Come On\". Und gibt uns so unsere Seelen zurück. \"I was buying some feelings from a vending machine.\" THE VERVE walzen wie ein Zug über uns hinweg. \"Come On.\" Ein Waggon nach dem anderen. \"Come ON.\" Und noch mal von vorn. \"COME ON.\" Schnitt. \"We've got ya sex and violence, melody & silence (Have you ever been down)\" Ausblende.



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aus Intro #51 (Februar 1998)
 
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