BEWERTEN
 

On board of their beautiful ship

»RADIOHEAD«

[02.11. - Bonn, Biskuithalle]

Text: Autor unbekannt

Ich kann immer noch ruhigen Gewissens behaupten, daß ich \"Creep\" hasse wie keine zweite Hymne. Hymnen werden mitgesungen. Dieser Gesang sagt: \"Ich kenne das, das kenne ich genau, hör mal, ich kenne den Song, jaaaaaaa!\" Und doch, die Band hat es gespielt. Das nur vorweg.
Zu den lustigen Folgerungen \"Fitter, happier, more productive ...\" verstummten die Lichter, verschwand das dichtgedrängte Publikum der prall gefüllten Biskuithalle. Mit Strahlern im Rücken und dem \"OK Computer\"-Opener \"Airbag\" eröffneten RADIOHEAD ihren todernsten Liederreigen, todernst dargeboten und todernst gespielt, lediglich Thom Yorke schüttelte sich in den ersten Takten seine Nervosität aus dem Kopf.

Daß der Tod hierbei äußerste Konzentration verlangte, resultierte in steinernen Mienen und minimaler Bewegung. Wie im Operationssaal wurde das Repertoire, bestehend aus \"The Bends\"-Outtakes und der gesamten aktuellen Produktion (bis auf das Sahnehäubchen \"The Tourist\", dem ich noch ein wenig nachtrauere), seziert und klang an einigen Stellen schlüssiger als auf dem Tonträger - dieses Mal wird auch nicht am Sound rumgemäkelt, denn der war sehr wohl beeindruckend. Unprätentiös ging die Band mit ihren Singles um, die an durchaus überraschenden Stellen über das Auditorium hereinbrachen. So kam es denn auch, daß zu \"Paranoid Android\" die ersten Crowd Surfer die Menge erklommen - sorry, Mr Yorke.
Ich weiß nicht genau, ob man RADIOHEAD auf der Bühne nun \"smartassed\" nennen darf, um das Wort Coolness zu vermeiden, aber es brachte einen Musiker im Publikum schon an den Rand der Verzweiflung, Jonny Greenwood kongenial zwischen Gitarreneffekten, Keyboards und E-Piano hin und her wandeln zu sehen, als ob das nichts wäre. Während des Gitarrespielens das Keyboard mit dem Gitarrenkopf zu bedienen, schien noch seine leichteste Übung zu sein. Überhaupt erlaubt es die Kombination von drei Gitarristen, wie an diesem Abend erlebt, einen unglaublich breiten Teppich aus psychedelischen Effekten und komplex arrangierten Riffs zu weben ... Nun, egal, darum geht es nicht wirklich. Es geht um viel erschütterndere Dinge wie z. B. die Musik. Irgendwann kratzte die Gänsehaut an dem kleinen Etikett meines unsinnigerweise für diesen Anlaß gewählten Wollpullovers, und ich wußte: Dieses ist eines der Konzerte, das ich in mir behalten werde, denn in mir fehlte es schon lange an Konzerten mit schöner Musik.
RADIOHEAD ist angeblich ihr Publikum egal, es ist ihnen auch das Wort \"Sentimentalkacke\" egal - zugegeben, das kennen sie wahrscheinlich gar nicht. Aber ebendiese Sentimentalkacke steckt in jedem ihrer neuerlich erschaffenen Epen wie \"Exit Music\" oder \"Let Down\" oder dem melancholischsten Flugzeugabsturz der Musikgeschichte, in \"Lucky\", und genau die Scheißegal-Haltung gegenüber dem Publikum wie Thom Yorkes auf sparsame Thank-Yous beschränkten Ansagen schaffte eine Aura der Abgeklärtheit, die zu Begeisterungsstürmen herausforderte - merkwürdigerweise funktioniert so etwas immer. Und doch sind die Engländer nett, im Sinne von professionell. Jeder andere \"Exzentriker\" hätte bei folgender Situation angewidert das Konzert platzen lassen, jedes arrogante Arschloch hätte zumindest den Übeltäter verhauen lassen: Auf die Ansage \"So, we haven't played anything of our first record\" folgte ein kurzes \"That's okay!\" aus einer der ersten Reihen. Ein wenig perplex ließ sich Thom Yorke zu einem Grinsen hinreißen. \"Well ... yes, it's okay, I guess. It was crap anyway ... No, this one's good.\" Situation gerettet. Es folgte nicht \"Creep\". Das mußten sich die restlos dahingeschmolzenen Massen nach 1 1/2 Stunden schon erbrüllen. Selten sah ich zudem eine Band, die sich derart lange rufen ließ. Nach drei Minuten folgte die erste, nach weiteren zwei Minuten die zweite Zugabe. In dieser Situation war der Tropfen, der das Faß überlaufen ließ, ein neuer Song, bestehend aus Gitarre und Gesang, dargeboten wie das gesamte Set mit glasklarer Stimme, mit bewundernswerter Hingabe und so etwas wie \"Herzblut\". Nach dem überzogen geschrebbelten \"Electioneering\" gingen die Lichter wieder an.
Daß sie \"Creep\" besonders gerne gespielt haben, glaube ich nicht. Die letzte Strophe wurde vom Publikum alleine gesungen, während die Musiker schon halb von der Bühne waren. Es hätte auch ohne funktioniert, denn RADIOHEAD haben ihren pubertären Erstling lange überlebt. Ich erwähne es pro forma: mein Konzert des Jahres.



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aus Intro #50 (Dezember 1997 / Januar 1998)
 
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