BEWERTEN
 

LULLABY FOR THE WORKING CLASS

»I Never Even Asked For Light«

[Rykodisc / Rough Trade / VÖ: 22.09.1997 ]

Text: Autor unbekannt

Kammermusikalische Kopfmusik auf Basis von Folk oder Country, aber mit anderen Vorzeichen: Man kennt die Herangehensweise von PALACE, auch von LAMBCHOP, von PINETOP 7 oder von GRANFALLOON BUS. Viele derer, die seinerzeit etwas leichtfertig als \"Slacker Country\" etikettiert wurden, gehen einen anderen, spannenden Weg, der sich auf nichts bezieht als den eigenen Willen, sich extrem der eigenen, unter Umständen selbstverliebten Kunst hinzugeben, ohne in Larmoyanz abzudriften. Was LULLABY FOR THE WORKING CLASS nach ihrem beeindruckenden Debüt \"Blanket Warm\" hier wieder gelingt, ist, in leicht durchgeistigter Weise die Abwesenheit von so etwas Schnödem wie \"Bauchgefühl\" zu definieren.

Ihr Zweitling ist allerdings noch eine Spur unnahbarer und bizarrer geraten. Da muß man die vorhandenen melodischen Elemente schon mit dem Hörrohr suchen, da versperrt die große, denkende Mandoline (wahlweise zu ersetzen durch akademische Bläser und Streicher, gebildete Jazz-Besen, belesene Kontrabässe oder Glockenspiele) den Zugang zum harmonischen Wohlklang, da wird \"eklektisch\" neue Bedeutung verliehen.
Bis zur Sinnlosigkeit detailversessene Kritikerlieblinge, keine Frage. Schon ihr Instrumentarium ist eher unüblich. Und die Songs erst. So konsequent verpfriemelt, verschachtelt und auseinanderfallend geriert sich \"I Never Asked For Light\", daß man den teilweise durchaus aufregenden Konstrukten einen deutlichen Mangel an möglichen Annäherungspunkten fast schon übelnimmt. Elegisch, getragen, alles gut und schön - hat meinen Segen. Aber gute Ideen bewußt so dermaßen konsequent in selbstgefälligen Mustern absaufen zu lassen, grenzt an Borniertheit. Das ist einerseits erfrischend weit entfernt von offensichtlichen Hinweisen auf traditionelle Grundlagen und musikalisches Brauchtum, andererseits scheint es verzweifelt und arg verkrampft seinen Platz in der (hüstel!) Postmoderne durch ein Übermaß an ausgeklügeltem, ach-so-intelligentem Getue zu suchen. Was dann wieder sehr pomadig kommt. Und so furchtbar humorlos wirkt. Und niemand wirklich braucht.
Hübsche und zwingende Momente zugleich sind die, in denen eben nicht jegliche Spannung durch ermüdend verschlepptes \"l'art pour l'art\" verpufft, sondern die eher exzessiv erfolgreich versuchen, mal wirklich ein Fitzelchen Harmonie aufzubauen, zu halten und final zu überhöhen. Dann pluckert, ziept, zwirbelt und schrengelt alles so locker miteinander - und just in diesen Momenten (etwa in \"Hypnotist\" oder \"The Sunset & The Electric Bill\"), in denen LFTWC Dynamik entwickeln und mich auf angenehmste Weise an solch verkannte Größen wie JOOST VISSER (wenn er denn nach DE ARTSEN nicht so abgeschmiert wäre) oder so vergessene wie GORDON GANO (was macht der eigentlich heutzutage ...) erinnern, also dann sind sie wirklich spannend, fast schon grandios. Mal sehen, ob das live funktioniert. Demnächst in diesem Theater. Kann man nur hoffen, daß sich LFTWC fernab der Heimat mal ein wenig entspannen.



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