BEWERTEN
 

SABINE SANIO und CHRISTIAN SCHEIB (Hg.)

»Das Rauschen«

[Wolke Verlag, 150 S., DM 32,-]

Text: Autor unbekannt

Medienwissenschaftler und Avantgardisten, Komponisten und Elektronikbastler befassen sich in den letzten Jahren zunehmend mit den Randgebieten der Klangerzeugung, beispielsweise dem \"Rauschen\". Zu diesem Thema wurde im Rahmen des Steyrischen Herbstes in Graz ein Symposium abgehalten, dessen Vorträge nun in Buchform vorliegen.
Niemand entgeht der Kulisse an Geräuschen, selbst nach Abzug aller Klänge bleiben als Rauschfaktor immer noch Blutkreislauf und Nervenbahn, und viele Mythen berichten gar von einem primären Urlaut, dem ersten kosmischen Atemzug. Das Weltenrauschen begleitet den Menschen seit dem 4. Monat seiner embryonalen Entwicklung, wenn er zum ersten Mal dem Rauschen im Mutterleib andere Signale abtrotzt.

Bis zum Tod bleibt das leise Hintergrundrauschen im Kopf der Beweis: Ich lebe - das Grundrauschen der Existenz heißt es bei Heidegger.
Ob Informationstheorie, Medienwissenschaften, Elektroakustik oder Elektronik, die Vorträge vom Steyrischen Herbst kreisen ums Filtern und Codieren, um die musikalische Kulturgeschichte des Rauschens und um Komponisten, die sich schon vor Jahrzehnten damit auseinandergesetzt haben: Der Futurist RUSSOLO komponierte in den 20er Jahren Lärm- und Geräuschsymphonien; JOHN CAGE stellte dem sein Stück \"4'33\" gegenüber, in dem schlicht nichts zu hören ist. Und spätestens in den 50er und 60er Jahren und der Musique Concrète wurde Radiofrequenzen und anderen Rauschsignalen ein Status verliehen, dem unter ambitionierten Popmusikern heute (MOUSE ON MARS ...) eine fast schon mythische Bedeutung zugesprochen wird.
Lärmbräuche wurden in der Geschichte immer wieder von Verboten belegt, weil Tabus und Regeln für Ordnung und Harmonie stehen, lärmige Rhythmen aber für den Bruch von Konventionen, Chaos (Ekstase, Wahnsinn) und Neubeginn. Aber erst das Perfektionieren der Speichertechnologien - vom Grammophon über Tonband und Schallplatte bis zur digitalen CD - machte das Rauschen berühmt - und berüchtigt.
Nach dem 2. Weltkrieg hieß es grundsätzlich: Rauschen verboten. Schallplatten, Mikrophone, Tonabnehmer und Verstärker, die gesamte analoge Speicherungstechnik war ein gefundenes Fressen für den Störenfried. Der berühmteste Rauschunterdrücker des 20. Jahrhunderts heißt Ray Dolby. Aber erst das dreifach digitale DDD der CD läßt Rauschen nur noch als nostalgische Reminiszenz zu - das Kratzen und die Nebengeräusche alter, gesampelter Platten ist ein beliebtes Stilmittel im HipHop. Heute bieten elektronische Instrumente sogenannte \"Humanize Optionen\" an, um klangliche Starrheiten zu verrauschen und damit näher an dem Ohr vertraute Klangmuster anzuschließen. Jedes nicht-digitale Instrument besitzt dagegen Tonhöhenschwankungen, auch wenn ein starrer vibratoloser Ton gespielt wird. Diese fast nicht wahrnehmbaren Fluktuationen machen die Lebendigkeit natürlicher Instrumente aus und sind digital nicht einzufangen.
Genaugenommen sind wir ständig von Molekülen umgeben, die sich unablässig und unkontrolliert bewegen und zu einem Basisrauschen verknoten. Unterschieden wird weißes und rosa, braunes und schwarzes Rauschen. Meeresrauschen wird zum Beispiel als weißes Rauschen bezeichnet, rosa Rauschen entsteht im Umfeld technischer Geräte. Die durch Widerstandsspannung entstehende Hitze ist ein einfaches, universelles und unvermeidbares Rauschen. Es besitzt eine gleichverteilte Rauschenergie pro Oktave, weißes Rauschen dagegen pro Hertz. All diese Geräusche, aber auch Knistern und Rauschen in allen Varianten, sind in der Elektroakustik und allen Formen neuer elektronischer Musik weit verbreitet. Was PINK FLOYD auf \"One Of These Days\" mit weißem Rauschen vorexerzierte, hat OVAL zum Selbstzweck gemacht. OVAL steht in einer langen Tradition, wenn CDs mit Fehlergeräuschen von CD-Playern veröffentlicht werden. Im Gegensatz zu den aufwühlenden Klangattacken eines RUSSOLO oder VARESE wird hier Rauschen als artifizieller Schönklang inszeniert. Es knackt und knieft, das aber edel. Und es wird die Arbeit von JOHN CAGE fortgeführt, der in den verschiedensten Medien versuchte, ihr Eigenrauschen transparent zu machen, und diese Nebengeräusche als Musikinstrumente begriff. Als sich die Musik den neuen Geräuschen der industrialisierten Klangwelt öffnete, wurde Lärm zu einem Teil der Musik. Das postmoderne Rauschen beginnt jedoch jenseits des Lärms. Es nutzt die Sounds und Störgeräusche der neuen Medien und erlebt in der repetitiven Struktur der Minimal Music, im Scratchen, im Sampling alter Aufnahmen und in den Signalfrequenzen von Techno und Ambient seine Genesis. Die enorme Bedeutung, die Rauschen und Umweltgeräuschen im Zeitalter der Sampler in jedweder elektronischer Musik zukommt, kommt in \"Das Rauschen\" etwas zu kurz. Dennoch ist das Buch gerade für Elektronik-Freaks eine heiße Empfehlung.



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aus Intro #48 (Oktober 1997)
 
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