BEWERTEN
 

STEVE REICH

»Works 1965 - 1995«

[10-CD-Box, Nonesuch / EastWest]

Text: Autor unbekannt

Eine Musik, die, anfänglich gnadenlos abgelehnt, ein sehr eingeschränktes Nischendasein fristen mußte, weil sie dem radikalen Ansatz einer ganzen künstlerischen Bewegung Stimme verlieh, die sowohl Hörgewohnheiten als auch Musikauffassungen nachhaltig beeinflussen sollte, präsentiert sich heute als weitgehend etablierter Zweig der Musik des 20. Jahrhunderts. Betrieb die europäische Avantgarde der Sechziger um STOCKHAUSEN, BERIO und BOULEZ eine bis zur äußersten Abstraktion getriebene Zerlegung musikalischer Elemente, so stand bei dem von BACH und STRAWINSKY sowie von dem Jazz eines CHARLY PARKER und MILES DAVIS beeinflußten REICH von Anfang an die Verdichtung der Struktur durch eine perkussiv anmutende, rhythmische Pulsation im Zentrum der Komposition.

\"Mir wurde klar, daß ich der Rhythmik oberste Priorität einräumen mußte, wenn meine Musik für mich eine emotionale Relevanz haben sollte.\" Bei seiner nur als instinktiv zu bezeichnenden Suche nach psychologisch wirksamen musikalischen Prozessen spielten die Experimente mit Phasenverschiebungen, also dem kontinuierlichen, asynchronen Auseinanderdriften von zunächst parallel agierenden Stimmen, eine entscheidende Rolle. Auf diese Weise erzielte er den bekannten Effekt eines Kanons, über den die atmosphärische Einheit der gesamten Komposition nachempfunden werden kann.
Variable, rhythmische Intervalle innerhalb dieses Komplexes entfalten jene psycho-akustischen Wirkungen im Unterbewußtsein, die der Minimal Music Ende der 60er eine große Hörerschar in der Hippie-Bewegung bescherte. Eine entscheidende Katalysation für seine Arbeit zog REICH aus der Mitwirkung bei der Aufführung von TERRY RILEYs \"In C\". Die \"Works: 1965-95\", anläßlich seines 60. erschienen und entsprechend liebevoll gestaltet, geben einen ausgezeichneten Repertoire-Überblick zur schöpferischen Entwicklung des Künstlers von den frühen Experimenten mit Tonbandendlosschleifen bis zu seinen vielschichtigen jüngeren Werken wie \"Proverb\" und \"City Life\" (auch Nonesuch / EastWest). Prädikat schwer empfehlenswert, sein Geld wert und wieder mal ein Beweis für die These, daß Geburtstage weiß Gott nicht nutzlos sind.



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