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ARTO LINDSAY

»Mundo Civilizado«

[Ryko / RTD / VÖ: 06.09.2002 ]

Text: Autor unbekannt

Welch ein Schaffensdurst! Kaum ein Jahr nach der introvertiert-modernistischen Popmusik-Melange \"O Corpo Sutil\" legt ARTO LINDSAY gleich zwei neue Platten aus den Ausgangsmaterialien Bossa/Samba/Salsa/New York/World hin, die als \"nächsten logischen Schritt\" zu bezeichnen ihnen kaum gerecht würde. Die musikalische Kammer verläßt ARTO auch mit seiner neuen Platte nicht wirklich, hängt sich aber doch ein gutes Stück weiter aus dem Fenster einer großzügigen Stadtwohnung mit Parkettboden - man darf auch mal ein Tänzchen wagen. Soll heißen: darf ich bitten. Soll nicht heißen: beats per minute. Dance-Elemente wie Jungle oder Drum'n'Bass sind lediglich Versatz- und Verbindungsstücke, Gelenke im Gefüge von Tradition und Moderne.

Wenn LINDSAYs Version von \"Erotic City\" die Bestandteile und Stilmittel des PRINCE-Klassikers weiterdenkt und in neuer Anordnung und Interpretation bruchlos in den eigenen Soundkosmos zu integrieren vermag, ohne die unmißverständlichen, offensiven Qualitäten des Originals zu berühren - Remix, isn't it?! Wenn er für \"Hyper Civilizado\" (in vielleicht väterlicher, sicherlich nicht altväterlicher Aufgeräumtheit) vertrauensvoll ein paar basic tracks des \"Mantelalbums\" \"Mondo Civilizado\" in die Hände der New Yorker Illbient-Posse legt, damit zu tun, whatever they want to do - tut er das dann nicht im Wissen um die geistige Verwandtschaft zwischen der unbekümmert-inspirierten, gierigen Herangehensweise von SPIT, SUB DUB, DJ SOULSLINGER und der eigenen seit den Tagen der New York No Wave Ende der Siebziger, da ARTO mit vorgegebenen Formen und Formalismen auch schon mal verfuhr wie Krokodil mit Antilope!? Und ist dieses Vertrauen denn nicht zuletzt das in die eigenen musikalischen Kräfte?! Selbst wenn DJ SPOOKYs \"Mundo Civilizado Inversion Mix\" sogar auf den stets die zentrale Stimme bildenden Gesang verzichtet und auch ansonsten bei streng analytischer Betrachtung vom Song selbst nicht viel übrig läßt, so bleibt der doch immer und in jeder Sekunde im Kern spürbar - Modernismus, in dieser Ausprägung deutlich auf Tradition verweisend. Die herzerwärmende und eigentlich unwiderstehlich charmante Art und Weise, mit der sterile Perfektion milde lächelnd umgangen und erst durch Unvollkommenheiten wie Persönlichkeit und Energie wirkliche Schönheit erreicht wird, ist es denn auch, was die Platte(n) letztlich ausmacht; die freundliche Nähe und Intimität in LINDSAYs civilised world, die sich wie eine tatsächlich lebbare urbane Utopie ausnimmt und dabei denkbar wenig (nämlich überhaupt nichts) zu tun hat mit verhuschter Marie-Johanna-Spiritualität und dem Gebimmel von Fußglöckchen.
Suchen ihresgleichen, finden einander. Ein geschlossener Kreislauf. So schön kann es in der zivilisierten Welt sein.



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