BEWERTEN
 

STEVEN WATSON

»Die Beat Generation - Visionäre, Rebellen und Hipster 1944-1960«

[Hannibal Verlag, ISBN 3-85445-155-5, 400 S., geb., Format 17x24 cm, über 100 s/w-Abb., DM 54,-]

Text: Autor unbekannt

Rückblende: Es sollte eines der abgefahrensten Unplugged-Konzerte in der Geschichte von MTV werden. Eine ganze Schar illustrer Gäste, allesamt Ikonen ihrer Genres, hatten für das Ereignis im Juli schon zugesagt. PAUL McCARTNEY, ORNETTE COLEMAN, PATTY SMITH, BOB DYLAN, PHILIP GLASS, MARC RIBOT und BECK wollten sich zu einer backing-group formieren, für einen Mann, der als Sprachrohr einer politisch engagierten Subkultur die ungeteilte Hochachtung ganzer Künstlergenerationen genoß. Doch Allen Ginsberg erlag am 5. April dieses Jahres seinem Leberkrebs.
Mit Jack Kerouac und William S. Burroughs bildete er seit Ende des Zweiten Weltkriegs das Autoren-Triumvirat der Beat Generation, die sich seit den 50ern immer lautstärker zu Wort meldete und in den 60ern großen Einfluß auf die nachfolgende Hippie- und Flowerpower-Bewegung ausübte.

Kerouac, dessen \"On The Road\" 1957 wie eine Initialzündung auf das Lebensgefühl in den Staaten wirkte, lieferte für das Random House Dictionary eine historische Definition der Bewegung. Er sah die Anhänger des Beat als \"Angehörige der Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg volljährig wurde und sich, angeblich als Folge einer Desillusionierung durch den kalten Krieg, einer mystischen Distanz und der Lockerung sozialer und sexueller Spannungen verschrieb.\" Die Identität der Beats hatte jedoch ebensoviel mit ihrer kollektiven Biographie zu tun wie mit ihrer literarischen Ästhetik. Neben dem bereits erwähnten Dreigestirn gehörten dem engeren Zirkel die Beat-Archetypen Neal Cassady und der ebenfalls erst kürzlich verstorbene Herbert Huhnke an sowie im weiteren Sinne die innovativen Dichter des Black Mountain College in San Francisco und der Szene aus \"downtown\" New York. Ihnen gemein war das Interesse an spiritueller Befreiung, die sich in Versen, Prosa und offenen Formen über eine fast schmerzhafte Offenbarung persönlicher Inhalte darstellte. Die ineinander verwobenen Lebensläufe von Kerouac, Burroughs und Ginsberg bildeten jedoch die Basis für eine Literatur, die für Folgegenerationen zur Klassik avancierte, zur Wiederentdeckung der lyrischen Vaterfigur Walt Whitman ebenso führte wie zur Bewunderung von William Carlos William und anderer Autoren der Avantgarde.
Steven Watson, seines Zeichens amerikanischer Kulturhistoriker mit exquisitem Gespür für dynamische Gruppenprozesse, hat mit \"The Beat Generation\" nun erstmals eine umfassende Darstellung dieses Zirkels vorgelegt. Seine Reflexionen über die Literaturgeschichte des Beat beleuchten nicht \"nur\" die zum Teil äußerst komplexen Wechselbeziehungen innerhalb der Beatnik-Avantgarde mit aufschlußreichen biographischen Details. Sie verfolgen auch den Einfluß dieser Kulturströmung von der ersten Jugendbewegung im Nachkriegsamerika bis in die Gegenwart. Damit verbunden sind unzählige Wortkreationen wie \"Hip\", \"Rap\", \"Kick\", \"Trip\" oder \"Joint\", die zu Selbstverständlichkeiten in der heutigen Sprachkultur geworden sind und hier in einem ausführlichen Slang-Lexikon erklärt werden. Ein gesondertes Kapitel Watsonscher Recherche beschäftigt sich mit dem Schicksal der Beat-Frauen, die für den charismatischen Männerkreis lediglich als Freundinnen, Stützen, Mutterersatz und erotische Projektionsfiguren von Bedeutung waren. \"In den Schlüsselromanen des Beat\", so Watson, \"erschienen sie eher als zusammengesetzte Charaktere oder gar Typen denn als Protagonisten mit ausgeprägter Persönlichkeit.\"
Joyce Johnson war eine von ihnen. Sie lernte Jack Kerouac bei einem von Allen Ginsberg arrangierten \"blind date\" im Januar 1957 kennen. \"Die Suche nach etwas, die Jack in mir gesehen hatte, war der psychische Hunger meiner Generation\", schrieb sie 1983 in ihren Memoiren \"Minor Characters\". \"Tausende warteten auf einen Propheten, der sie aus ihrem vorsichtigen Mittelschichtdasein holte, das zu erben man sie erzogen hatte.\" \"Minor Characters\", das nun endlich in unserer Landessprache mit dem bezeichnenden Titel \"Warten auf Kerouac\" beim Münchner Verlag Antje Kunstmann vorliegt, liefert einen Insiderblick der Szene aus der Sicht einer Frau, ein bewegendes Review über den Mündigkeitsprozeß vom \"grauen Mäuschen\" zur gestandenen Autorin und Mutter, die mit ihrer Beat-Episode abgeschlossen hat.
Radikale Authentizität und die absolute Untrennbarkeit zwischen Leben und Kunst wurden zum \"romantischen\" Markenzeichen der Beat-Literatur. Der erotomane Prolet Neal Cassady schlug Ende der vierziger Jahre bombenartig in diesen Zirkel ein. Seiner exzentrischen, asozialen Energie, die ihren Ausdruck sowohl in einer schier endlos-manischen Gier nach Sexualität fand als auch seine brachial-rüde Unmittelbarkeit prägte, konnten sich weder Kerouac noch Ginsberg entziehen. Kerouac stilisierte ihn gar zu \"einer neuen Art amerikanischer Heiliger\", zu einem Prototypen, der ihnen die \"harte Wirklichkeit\" ihrer Vorstellungswelt vorlebte. Eine Schlüsselfigur, wie Watson sie beschreibt, \"in der Danger Zone zwischen Realität und hyperrealer Simulation\", die beständig Treibstoff lieferte als \"reine Quelle\" des existentiellen Überlebenskampfes. Cassadys eigene Prosatexte wurden nun unter dem Titel \"Der Flügel des Engels\" (orig. \"The First Third\", 1981) ebenfalls vom Hannibal-Verlag veröffentlicht. Übrigens, bevor Cassady vollends verlebt im Februar 1968 irgendwo in Mexiko einer Kombination von Seccies und Sprit erlag, machte er als teuflischer \"Speed Limit\"-Kommandeur der Merry Pranksters von sich reden. Die psychedelische Aktivistencrew, zu der neben dem späteren GRATEFUL DEAD-Gitarristen Jerry Garcia auch Initiator Ken Kensey (\"Einer flog über das Kuckucksnest\") gehörte, brach im Sommer 1964 in einem umgebauten Schulbus zu einer transkontinentalen Bekenntnistour für Psychedelika und das \"Risiko der Existenz\" auf. Und mit Cassady am Steuer hieß das, laut Garcia, \"höllische Angst um dein Leben\" zu haben.
Einer, dessen Liebesbeziehung zu Cassady am Ende in ein devot-masochistisches Verhältnis abglitt, war Allen Ginsberg. Authentisches Material seiner Lese-Performances hat sich der große Vernetzer und Konzeptionist des Musikgeschäfts, Hal Willner, nun nach Arbeiten über KURT WEILL und CHARLES MINGUS (\"Weird Nightmare\") - um nur zwei zu nennen - vorgenommen und die Werke des Beatnicks auf vier Silberlingen exzellent kompiliert. Natürlich nicht ahnend, daß der ewige Querschläger im Fleische des Establishments schon zwei Jahre später seine letzte große Reise antreten würde. Angefangen hatte alles 1956, als Ginsberg mit dem Skandalerfolg um seine Gedichtsammlung \"Howl And Other Poems\" zu einer Kristallisationsfigur der Beat Generation avancierte. Er sah darin den Verfall geistiger Ideale in einer materialistisch geprägten, technologischen Massengesellschaft voraus. Auch wenn seine Poems von starker persönlicher Betroffenheit & Filtrierung durchsetzt sind, so scheinen seine Diagnosen angesichts der weltweit zunehmenden, egomanen Tendenzen von bitterer Weitsicht zu zeugen. Mit messianischer Heißblütigkeit verkündete er bilderreich hymnisch-prophetische Visionen eines \"Neuen Amerika\" und wurde damit zur Ikone des \"poetry reading\". Er sah sich selbst in der Tradition von Whitman, Ezra Pound und William Carlos Williams. Und letzterer schloß sein Intro zu \"Howl\" mit der Bemerkung: \"Nehmen Sie die Säume Ihrer Gewänder hoch, meine Damen, wir gehen durch die Hölle.\" Die vorliegende Werkschau \"Holy Soul Jelly Roll\" zeigt, warum Ginsberg & Konsorten als Urväter aller politisierten Subkulturen gelten dürfen. Immer wieder haben sie mit Gespür für gesellschaftliche Strömungen anti-ideologische Positionen bezogen und befördert. Themen wie Umweltschutz, sexuelle Emanzipation, Spiritualismus, Pazifismus und Legalisierung von Drogen hätten im Bewußtsein der Menschen und im Licht der Öffentlichkeit ohne die Protestbewegung der \"Gegenkultur\" niemals eine solche Aufarbeitung und Akzeptanz erfahren. Hal Willner hat für diese Retrospektive viel unveröffentlichtes Material aus den Archiven zugänglich gemacht. Eine Retro, die zum besseren Verständnis längst überfällig war.
Haftete Ginsberg das Credo des politisierten Gurus an, so wurde Jack Kerouac zum Symbol des existentialistischen Bewußtseins der Szene. Sein entfesselt-orgiastischer Schreibstil sollte das differenzierende Denken ausschließen und nur dem spontanen Ausdruck des ungehindert fließenden Sprachimpuls' verpflichtet sein. Wilson spricht hier vom \"Text als Ejakulat, das Leben als permanenter Intensitätsautomat, in dem sogar die grauenhaften Phasen des Down-Seins nach halluzinatorischen Trips als heroische Lebenskonvulsion gefeiert wurden.\" Seine drei legendären Spoken-Words-Einspielungen - \"Poetry For The Beat Generation\" (1959), \"Blues And Haikus\" feat. Al Cohn und Zoot Sims (1959) und \"Readings By Jack Kerouac On The Beat Generation\" (1960) - hat \"Rhino\" in einer \"Kerouac-Collection\" (erhältlich über Edel Contraire) wieder zugänglich gemacht. Das liebevoll arrangierte Booklet im LP-Format enthält neben vielen raren Fotografien ausführliche Kommentare von Produzent Bob Thiele, Allen Ginsberg, Jerry Garcia, William Burroughs u. a.
Im März dieses Jahres wäre Kerouac 75 geworden. Diesen Anlaß hat \"Ryko\" genutzt, um eine Longplay-Compilation mit den unterschiedlichsten Künstlern zu produzieren. Auf \"Kicks Joy Darkness - A Spoken Word Tribute With Music\" erweisen sie ihm in Rezitativen, Performances und Improvisationen über seine Texte ihre Referenz. Neben Beiträgen der Alt-Beatniks Ginsberg und Burroughs und des wichtigen Beat-Verlegers und Leaders der second generation, Lawrence Ferlinghetti, bereichern u. a. JOHN CALE, PATTY SMITH, der tragisch verstorbene JEFF BUCKLEY, JONNY DEPP, MATT DILLON, LYDIA LUNCH und MORPHINE die credit-list. Das Booklet enthält die kompletten Textpassagen sowie vier bislang unveröffentlichte Stücke Kerouacs.



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aus Intro #47 (September 1997)
 
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