BEWERTEN
 

HELMUT OEHRING

»Dokumentaroper«

[Wergo / Schott / VÖ: 30.01.1997 ]

Text: Autor unbekannt

HELMUT OEHRING (*1961), gelernter Baufacharbeiter und musikalischer Autodidakt, ist ein Kind gehörloser Eltern. In der \"Dokumentaroper\" (1994) aus dem Zyklus \"Irrenoffensive\", der das Gesamtwerk mit Gehörlosen umfaßt, verarbeitet OEHRING auch eigene Kindheitserfahrungen, denn er wuchs bis zum Alter von 4½ Jahren mit Gebärdensprache auf. Unartikulierte und laryngale Äußerungen gehörloser Menschen begleiten die schwierigen Strukturen der Musik. Die Gattungsbezeichnung Oper verlangt nach Sprache und Gesang. So ist zwar eine Partitur nachlesbar, weil als Übersetzung der Gebärdensprache vorhanden, ein Libretto aber existiert nicht.

(Im Booklet in Ausschnitten und komplett im Programmheft \"Wittener Tage für neue Kammermusik 1995\" ist der Gehörlosentext abgedruckt.) Die gesungenen/gesprochenen Texte wachsen mit der Musik, die \"übersetzte\" Gehörlosensprache wirkt wie ein Kauderwelsch aus mangelnder Sprachkultur und miserabler Dolmetscherarbeit. Szenenbilder oder Rollen gibt es nicht. Gehörlose sehen die Sprache, der Umgang mit ihr über die akustischen Inhalte bleibt ihnen verschlossen.
Der Inhalt der Oper ist sehr profan: ein Kreislauf aus Haushaltsarbeit (Kochen, Waschen, Nähen) und Gesundheit/Krankheit. Die komplizierte, aus der Vielfalt der musikalischen Elemente resultierende Aufführungspraxis benötigt einen hohen Anteil an Elektronik: Sample-Keyboard, Zuspielband, elektrische Gitarre, Mischpult, MiDi-Programme, Datenhandschuh. Klassische Instrumente der Kammermusik (Violine, Violoncello) und rock- oder jazzcombosynchrone Instrumente (Saxophon, Trompete, Schlagzeug etc.) überführen den traditionellen Oper-Begriff ins Schatzkästlein der Antike. HELMUT OEHRING spielt insofern mit Versatzstücken klassischer und moderner Musikstile.
\"Dokumentaroper\" ist ein Werk über die Sprachlosigkeit, über das Verschwinden der Kommunikation. Und das betrifft nicht nur die Gehörlosen, deren Situation in OEHRINGs Arbeit als Transportmittel für die gesellschaftliche Sprachlosigkeit dient. \"So ist die Dokumentaroper in der Tat ein Dokument über das Scheitern von Sprache. Über die Grenzen von Kommunikation\" (Iris ter Schiphorst). Wortspiele wie \"In der Musik wird hörbar, daß die Irren offensiv sind\" sollten in der Vorurteilsablage bleiben. HELMUT OEHRING nimmt andere \"Irre\" wahr, die nichts von ihrem Irrsein ahnen.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 
  • ÄHNLICHE PLATTEN

  •  
 
 
Anzeige
 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.