BEWERTEN
 

JÜRGEN ROTH / MICHAEL RUDOLF

»Bier! Das Lexikon«

[Reclam Leipzig, ISBN 3-379-01587-3, 329 S., DM 18,-]

Text: Autor unbekannt

? Was trinkt ihr gerade? Roth: \"Pinkus Spezial\" aus Münster, Spitzenbier, wohlgeraten! Pinkus ist eine der wenigen Brauereien, die mit Ökobrauverfahren ein tatsächlich brillantes Bier hinbringen. Ein Zwickelbier - also naturtrüb, selbst aus der Flasche ein Hochgenuß! Eines der Biere, das wir schwer gelobt haben, und ich kann hier nur Herrn Rudolf zitieren, der seinen Beitrag mit dem Satz schließt: Pinkus heißt der Schluckspecht.
Rudolf: Eine Sorte, die wir eigentlich in der ersten Auflage leicht geschmäht haben, aber hier kommt immer wieder zum Tragen, daß Bier und Biergenuß durchaus stimmungsabhängig sind. Die Sorte, um die es bei mir geht, ist \"Burgherren Pils\" aus Ostheim in der Rhön, und das, was wir heute getrunken haben, hat uns mittlerweile doch geschmeckt - das werden wir wohl revidieren müssen!
? Das in Marburg gebraute Bier wird von euch vielversprechend mit \"Kanalisationsabwässern\" verglichen ...
Roth: Ein unvergleichlich desolates Gebräu, das uns von einem Gewährsmann angetragen wurde, der uns schon vorher warnte.

Wir haben einen Schluck getan und dachten: so nicht! In Marburg selbst ist es so, daß man kaum eine Kneipe findet, in der man dieses Bier trinken kann. Zu Recht, würden wir sagen! So bedauerlich das Brauereiensterben ist, in diesem Falle, träfe es die Klaus Rauh GmbH, würden wir nicht einmal eine Bierträne hinterherweinen.
? ... recht mutig, unter diesen Bedingungen in Marburg zu lesen! Rudolf: Warum soll dazu Mut gehören? Außerdem haben wir größtenteils nur Marburger getroffen, die dem Marburger Bier eher ablehnend gegenüberstehen. Und was bedeutet Mut, wenn es hier einfach nur um Verbraucherschutz geht?!
? In eurem Lexikon findet sich der philosophische Satz: \"Was ein Bier braucht: Alles.\" Was, bitte, ist mit \"Alles\" gemeint?
Roth: \"Alles\" heißt, daß das gelungene Bier ein komplexes Gebilde ist, das Ergebnis eines hochkünstlerischen handwerklichen Vorgangs. Ein Vorgang, der Verstand, Mut, Geschick - Wagemut könnte man fast sagen - verlangt, und insofern muß ein Bier natürlich Inspiration, Kenntnis und auch den Willen zur Singularität zu erkennen geben. Höchst schwammig, fast metaphysisch, aber Bier ist auch ein hochspekulatives Getränk.
Rudolf: Wir haben es im Buch so formuliert: Wenn der Begriff Kunsthandwerk überhaupt rechtmäßig angewendet werden sollte, dann hat es wirklich nur Sinn bei Bier!
? In verschiedenen Zusammenhängen erwähnt ihr u. a. so illustre Säufer-Persönlichkeiten wie Gottfried Benn (\"Was schlimm ist: bei Hitze ein Bier sehen, das man nicht bezahlen kann\"), Ernst Jünger (\"Vielleicht wäre es gut, das Bier anstatt mit Hopfen mit Stechapfelkörnern zu bittern oder mit Fliegenpilzen\") oder Jean Paul (\"Bier, Bier, Bier, wie es auch komme!\"). Aber unverständlicherweise fehlt eine Aufklärung darüber, was euer werter Kollege Wiglaf Droste in \"Brot und Gürtelrosen\" mit \"Siebenbierhomosexuelle\" gemeint haben könnte. Verschweigt ihr etwa verschämt einige bierbedingte Nebenwirkungen?
Roth: Ich kann dazu nichts sagen, auf mich trifft das nicht zu. Ich bin ein nochmals gesteigerter Siebenbierheterosexueller, aber es gibt diese Leute. Und ich glaube, man darf das Geheimnis an dieser Stelle nicht lüften, wer denn hier gemeint ist. Aber wenn man Herrn Drostes Texte liest, glaube ich, kann man herausfinden, wer es ist.
Rudolf: Ja, freilich haben wir nicht alles erklären können, auch nicht alles erklären wollen, insofern stimme ich Herrn Roth gerne zu, hier hüllen wir uns in Schweigen.
? Walter Benjamin schrieb in der \"Einbahnstraße\" unter der Überschrift \"Stehbierhalle\": \"Das Bierhaus ist der Schlüssel jeder Stadt; zu wissen, wo es deutsches Bier zu trinken gibt; Länder- und Völkerkunde genug. Die deutsche Seemannskneipe rollt den nächtlichen Stadtplan auf: von dort bis zum Bordell, bis in die anderen Kneipen durchzufinden ist nicht schwer.\" Habt ihr bei euren Recherchen ähnliche volkskundliche Beobachtungen machen können?
Roth: Bier ist ein soziologisches Getränk, es wird überall getrunken, in allen möglichen Lebenslagen, ich glaube, man kann an diesem Getränk ablesen ... äh, jetzt geht der Satz nicht mehr weiter ... Vielleicht weißt du was dazu, du bist ja Brauer gewesen!
RUDOLF (trinkt ein Glas Mineralwasser): Soziologie der Brauerei?! Ja, ich kann das schon ganz gut verstehen, wenn gerade die kleinen Brauereien, denen wir natürlich in diesem Buch etwas helfen wollen, immer ein bißchen skeptisch sind. Normal würden wir auch jederzeit den Satz unterschreiben: \"Ein gutes Bier braucht keine Werbung\" ...
ROTH (fällt ihm ins Wort): Zu klären wäre tatsächlich einmal, warum das Bier im philosophischen Kontext der Frankfurter Schule, bei Adorno, Horkheimer, auch bei Walter Benjamin, eine so schlichte bzw. fast verschwindende Rolle spielt. Horkheimer hat sich immer sehr günstig über den Champagner geäußert. Wir verstehen nicht ganz, warum man dem Bier keine gesteigerte Aufmerksamkeit entgegengebracht hat, denn da hätte man über die Dialektik der Moderne und der Aufklärung so einiges erfahren können. Wenn uns jemand Bierstellen im Werk Adornos, Horkheimers und anderer bedeutender Philosophen zutragen kann, sind wir jederzeit dankbar und setzen uns mit den Leuten auch gerne in Verbindung!



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aus Intro #47 (September 1997)
 
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