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»Phonoroid«
[22.05. - Berlin, Roter Salon in der Volksbühne]
Text: Autor unbekannt
Wie oft hat man sich schon über sie geärgert, über diese grünstichigen, überbelichteten, weißgeränderten Fotos, auf denen alle immer Albinoaugen haben ... Aber andererseits besitzen Polaroidbilder auch eine nicht zu verleugnende Magie. Nach dem kleinen ”Wir schütteln das Bild, bis es trocken ist, und schauen zu, wie Farben und Formen langsam sichtbar werden”-Ritual hält man tatsächlich ein Abbild dessen in den Händen, was kurz zuvor geschehen ist.
Denken wir uns ein Polaroid vom Roten Salon: Es würde im Idealfall einen Eindruck von der wunderschönen, leicht morbiden und leicht puffigen Atmosphäre vermitteln. Alte, schon zu DDR-Zeiten durchgesessene Sofas, diffuses Rotlicht, Ölbilder von russischen Militärs hinter der Bar.
Menschen, die voller Andacht vor der Bühne sitzen und gebannt lauschen. Eine Frau mit Bluse und Schlaghosen, die nicht recht zueinander passen wollen. Ein Mann mit Gitarre und riesigem Cowboyhut. Ein anderer Mann, der aus gewaltigen Trommeln ehrfurchtgebietende Töne herausschlägt. Die Spiegel an der Bühnenwand bewirken, daß die drei Personen den Blicken ausgeliefert sind. Sie können sich nicht mal hinter dem eigenen Rücken verstecken, müssen sich in jeder Sekunde des Konzerts offenlegen. So geht es ihnen auch mit ihrer Musik. Trotz der Unterstützung von Samples bleibt die Zerbrechlichkeit, bleibt die Herausforderung des Experiments, das die Songs von PHONOROID darstellen. Sie füttern keinen Massengeschmack, sondern verfolgen ihre ganz eigene Stimmung. Und die ist so momentbezogen wie ein Polaroid. Vanessa Vassar, eine klassisch geschulte Sängerin, hat auf einer Reise durch ihr Heimatland, Texas, Notizen und besagte Polaroids gemacht, die schließlich in die Roadlyrics von PHONOROID mündeten. ”A feather cowboy hat and two blue-jeaned pockets enter the light-bulbed room.” Es ist Lyrik, die frei durch Köpfe und Räume wandert. Eher assoziativ als dem engen Korsett von Strophe, Refrain und Reimschema folgend. ”It is exactly that moment when I go out of focus ...” Sätze, Gedanken, Augenblicke fließen ineinander, liefern oft nur Anhaltspunkte für die Ideen der Zuhörer. ”3 boats 5 docks and 1 alligator later I met a man called river slide.” Der Mann an ihrer musikalischen Seite ist Axel Manrico Heilhecker, der seiner innovativen Ader für die Gitarre freien Lauf läßt. Die lautmalerische Begleitung, der klangliche Pinselstrich stehen im Vordergrund. So wird zum Beispiel der gezielt unsicher wandelnde Bottleneck zum Symbol für die Unordnung und die scheppernden Blechbüchsen, die Vanessa beschreibt. Country-Akkorde umspielen die Geschichte von John Doe, der hofft, daß das Leben mit den richtigen Klamotten besser wird. Kleine Stories, irgendwo am Straßenrand aufgepickt. Es mag ja ein abgegriffenes Klischee sein, doch dieses Konzert erinnert an eine Reise. An einen Roadmovie, der im Kopf abläuft und der von den Akteuren auf der Bühne auf faszinierende Art vorgeführt wird. Ein ganz besonderer Abend.
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