BEWERTEN
 

Rammstein

»Sehnsucht«

[Motor Music / VÖ: 25.08.1997 ]

Text: Autor unbekannt

Anzünden, anzünden: ohne brennendes Kettenhemd sind RAMMSTEIN weder pervers, eklig noch böse. Eher schon infantil, albern und pubertär. Oder dröge, öde und blöde. „Sehnsucht' also, aha. „Glücklich werd’ ich nirgendwo / der Finger rutscht nach Mexiko / doch er versinkt im Ozean / Sehnsucht ist so grausam.' Das also wäre passiert, hätte Rilke ein schlechtes Reimlexikon zur Verfügung gehabt. Hatte er aber nicht, und so mußte die Welt erst auf die Neunziger und irgendwelche Flegel aus Schwerin und Berlin Ost (Gott weiß / ich will kein Ossi sein!) warten. Was sie erstaunlicherweise auch getan hat, ich an ihrer Stelle hätte mich einfach weitergedreht ...

Aber egal, Plattenkäufer irren nie, vor allem nicht in ihrer Vielzahl. Und so wird einst wohl Gott über RAMMSTEIN richten müssen, wie er es einst aus weniger einsichtigen Gründen mit der „Frecce Trikolori' getan hat - by the way: RAMMSTEIN wollen ihre Namensgebung keineswegs auf die Vorkommnisse bei der bekannten Flugschau ebendort zurückgeführt wissen, obwohl das wenigstens anständig anstößig wäre. Keine Ahnung, was für drakonische Strafen im göttlichen Plan auf Albernheit und fortgesetzten Widersinn stehen, aber zumindest der Schuldspruch wird mit Erscheinen von „Sehnsucht' ultimativ fällig. Da wäre zunächst einmal das mit unerträglicher Penetranz gerollte „r'. Wozu es gut sein soll, weiß wohl niemand so rrrrrrichtig. Manch einer will sich erinnert fühlen an sprachliche Regionalismen, wie sie prominenten Rednern der faschistischen Diktatur im dritten Reich eigen waren. Möglich, daß ein solcher Effekt intendiert ist, aber eher unwahrscheinlich. Zu oft wird das über die Maßen gerollte Zungen-„r' beim Rezitieren romantischer Gedichte eingesetzt, um Manieriertheit und Reichtum an sprachlich verqueren Bildern bloßzustellen und um ironischer Distanz des Sprechers zum Rezitierten Ausdruck zu geben. Nicht daß es sich bei RAMMSTEIN in Wirklichkeit um mißverstandene Scherzbolde handelte, oh nein! Dazu fehlt den Texten grundsätzlich der Hauch an expliciteness, wie er durchaus zeitgemäß wäre. RAMMSTEIN hingegen kommen über eine nur notdürftig modernisierte Version der sich um „Den Tod und das Mädchen' drehenden Thematik nicht hinaus. Selbst „Bück Dich' - vom Titel her theoretisch ein todsicherer Hit und wahrscheinliches Glanzstück der Platte - verliert sich in tränenschwangeren Romantizismen, verpufft in unnützem Gegreine, läßt einen ratlos zurück und verfehlt letztendlich jegliche Wirkung - von den restlichen Titeln ganz zu schweigen. Musikalisch tut sich bei RAMMSTEIN nichts Außergewöhnliches: Die Keyboard- und Sequencer-Arrangements sind durchaus professionell, die Gitarre ist es nicht, und die Vocals erlauben sich selbst auf der Single herbe Schnitzer (vgl. Refrainende vor B-Part). Bückt Euch!



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