BEWERTEN
 

Into The Groove

»Morphine«

[18.05. - Rock Am Ring, Alternatent]

Text: Autor unbekannt

„Ich wünschte, es wäre kälter“, meint Mark Sandman zwischen Setlist-Schreiben und Warten aufs MTV-Team. Warum denn bloß? „Weil ich jede Menge warme Klamotten dabei habe.“ Während sich das Trio so langsam bereit macht, das „Alternatent“ zu betreten, läuft auf der Hauptbühne gerade der Umbau für KISS. „Das sind die gar nicht“, erklärt Sandman fachmännisch. „Jeder trägt heutzutage Masken. Wir auch. Ich bin in Wirklichkeit ein unschuldiges junges Mädchen.“ Klar.
Es wird Zeit für die Show. Zunächst aber zelebriert die Security ihren Auftritt: In bezug auf komplizierte Sicherheitsprozeduren ist Rock am Ring wirklich richtungsweisend, selbst mit einer Vielzahl von sich z.

T. widersprechenden Ausweisen ausgestattet, kommen auch hartnäckigste Profis (Musiker z. B.) nur mit Mühe an ihren Zielort. Außer der Security ist eigentlich alles auf dem Festivalgelände Fremdkörper und Manövriermasse. Das Publikum beispielsweise: mit wirschen Bewegungen sortieren mit kecken Uniformen ausgestattete Bodyguards den Zuschauerstrom im Alternatent mediengerecht hin und her. Auf dem Boden sitzen ist nur während der Umbaupausen erlaubt, sonst wird man aufgescheucht. In den Fotograben kommt unsereiner selbst mit Paß nur nach Blutabnahme und mit Petitionsschreiben des Musikministers. Dafür allerdings - und das muß man neidlos eingestehen - ist der musikalische Teil ebensogut organisiert: Die Umbaupausen sind kurz, der Sound ist - auch ohne Soundcheck - okay und die Bühne schön groß.
Allerdings auch ein wenig instabil. Nachdem Sandman das Publikum mit seiner obligaten Selbstvorstellung in unerwartet heftigen Begeisterungstaumel versetzt hat, machen bereits die ersten Töne klar, daß diese Bühne nicht für Bands gedacht ist, deren Oeuvre vornehmlich aus Baßtönen verschiedenster Couleur besteht. Die gesamte Konstruktion der Bühne wabert und schwankt bedrohlich. Drummer Billy muß fürchten, mit seiner gesamten Batterie vom Podest zu hüpfen, und Mark Sandman kämpft mit einem überlasteten Monitor. Doch sind die Bostoner cool genug, sich um solche Unwägbarkeiten nicht zu scheren. Die Songs - eine gute Mischung aus alt und neu - kommen relaxt groovend daher, einmal mehr beweisen MORPHINE, daß sie mit ihrem Latein noch lange nicht am Ende sind. Mit theatralischen Gesten feuert Sandman das Publikum an, welches sich auch treu und brav animieren läßt. Mal abgesehen von Danas Einlagen mit gleich zwei Saxophonen, treten Showelemente aber zurück hinter die konzentriert durchgezogenen Nummern. Und da’s bei dem Trio ja sowieso keine richtigen Balladen gibt, steht einer regelrechten Tanzparty nichts im Wege. Für MORPHINE-Verhältnisse ein regelrechter Fun-Event, und so steigert sich die Stimmung bis zum Schluß.
Da wurden bestimmt gerade neue Fans geboren - einer der wenigen Vorteile von Festivals -, an diesem Abend kam jedenfalls jeder auf seine Kosten - auch die Band. „So was sollten wir mal wieder machen“, meint Sandman zum Schluß. Stimmt.



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aus Intro #46 (Juli / August 1997)
 
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