Ne me quitte pas
»Juliette Gréco«
Text: Autor unbekannt
Die schwarz verhüllte Bühne betreten zunächst die Begleitmusiker; in zartes Licht getaucht, beginnen sie zu spielen. Typisch chansoneske Klänge. Die Vorbereitung für einen großen Auftritt.
Ein kitschiger Eindruck - eigentlich, peinlich nahezu. Kaum ein Künstler kann sich solch einen inszenierten Auftritt leisten - JULIETTE GRÉCO kann! Und tut es formvollendet: Sie erscheint - ausgestattet mit den ihr ureigenen Insignien: schwarzes, langes, fließendes Kleid, das Gesicht bleich geschminkt, die Augen stark akzentuiert - und ist schon jetzt, allein durch ihre Präsenz, die Inkarnation einer aussterbenden Spezies, des französischen Chanson, der im Paris der fünfziger Jahre eine neue Ausprägung fand und in der Folge so großartige Musiker bzw.
Die durch den Existenzialismus stark geprägte und in dessen Dunstkreis groß gewordene GRÉCO (kein Geringerer als Jean Paul Sartre regte sie zum Singen an) repräsentiert eine heute in der Form kaum noch existierende Berufsbezeichnung, will Interpretin sein, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Jeder der Chansons - sei es nun einer der vielen von ihrem Mann Gérard Jouannest, der schon seit langem am Klavier für die musikalische Leitung sorgt, einer von LEO FERRÉ, eine der Jacques Prévert-Vertonungen oder natürlich einer der Klassiker von BREL und GAINSBOURG - entwickelt sich zu einer für sich stehenden Tragödie oder Komödie, z. T. fast schon Groteske und dadurch wie selbstverständlich zu ihrem eigenen Werk. Sie agiert als Erzählerin, wechselt in die Rolle der Protagonistin - allen Geschichten ist dabei gemein, daß sie gelebt werden, zunächst mit dem einzigartigen dunklen Timbre der Chansonnière, aber auch umgeben von ihren großen Gesten und ihrer unbeschreiblichen Mimik. Und hier, live, wird deutlich, wie unwichtig es ist, der französischen Sprache mächtig zu sein - dieser melodischen Sprache, die auch ohne Bedeutung fließt und klingt -, um la GRÉCO zu verstehen. Mit einer unglaublichen Energie stellt die Siebzigjährige (!) dar, unterstrichen durch die nicht auf Glanz und Glamour, sondern auf Akzente setzende Beleuchtung, nämlich einzig auf sie gerichtete Scheinwerfer: Ständig in Bewegung sind die Hände, der ganze Körper wird eingesetzt für die Nuancierung und Ausbalancierung von Emotionen. Denn um die geht es hier, und dabei in erster Linie natürlich um „l’amour“.
Was bei anderen sofort theatralisch wirken würde - die großen Gefühle und Gesten etc. -, sie bringt es überzeugend, weil sie es ist. Natürlich wird es auch weiterhin Chanson-Interpreten geben, die aber werden ihre Ursprünge nur noch vom Hörensagen, vom Tonträger kennen. JULIETTE GRÉCO dagegen ist Teil der Geschichte dieses Genres und verkörpert es somit in einem anderen Maße. Mit der Abschiedstour dieser letzten grande dame des französischen Chanson verläßt eine Ära die Bühne. Um so erfreulicher, solch ein Ereignis ein letztes Mal MITERLEBT zu haben! Und wie passend in diesem Zusammenhang die Wahl der Zugabe: „Ne Me Quitte Pas“ ...
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