BEWERTEN
 

Westbam (mit Rainald Goetz)

»Mix, Cuts & Scratches«

[Merve Verlag Berlin, ISBN 3-88396-136-1, 159 S., DM 19,-]

Text: Autor unbekannt

Man muß die Musik von WESTBAM nicht mögen, um von diesem Buch angetan zu sein. Ein Faible oder doch zumindest Interesse für die Schreibe und Perspektive von Rainald Goetz sollte man aber mitbringen. Denn der, dieser ehemals irre, aufrührerische Autor von „Irre“, von „Festung“ (inkl. „Festung“, „Kronos“ und die Gedanken-/Materialien-Sammlung „1989“) und anderen Texten, hat die Texte dieses Textes zum Großteil formuliert. Rainald Goetz - als Fan weiß man von seinem Techno-Fantum. Vielleicht sah man ihn, wie ich, bei der Loveparade ‘95 oben auf dem „Low Spirit“-Wagen sitzen.

Oben, ganz weit oben, auf den größten Boxentürmen dieser Parade. Auf dem Wagen mit dem größten Wumms. Dem großartigsten Wagen: in den paar Minuten, nachdem ich ihn dort oben ausgemacht hatte und während der Wagen vorbeizog, konnte ich seine Begeisterung für den Sound von „Low Spirit“ verstehen. (In normalen Momenten kann ich das nicht.)
Genau um diese Außergewöhnlichkeit geht es in „Mix, Cuts & Scratches“. Um die „Heilsbotschaft“ von Techno, wie WESTBAM es nennt, und wie Goetz es als Formulierung gerne aufgreift. „Ja genau: die Heilsbotschaft. Dieser Ausdruck paßt wirklich. Denn man kann das denkend nie so ganz verstehen, das Große dieses Glückseffekts des einfach nur geraden Beats.“ Scheinbar unternehmen sie den Versuch des Verstehens mittels Worten hier dennoch. In diesem Texte gewordenen Interview, das aus zig Abschnitten besteht (dem WESTBAM-“Alphabet“, Teil 1-8), ergänzt durch originale Texte von WESTBAM und schließlich versehen mit einer Einleitung von Goetz. Und obwohl sie das Euphorische an Techno eigentlich eher in Szene setzen, als es zu erklären, machen sie es auf diese Weise irgendwie doch deutlich. Weil sich die Begeisterung (erneut) überträgt. Ja, und außerdem ist dieser Merve-Band freilich das Portrait eines Popstars, was man immer gerne liest. Das Portrait eines Stars zudem, der soviel Nachdenklichkeit beweist, soviel Techno-Querdenkertum auch, daß einem gar nichts anderes übrigbleibt, als ihm Respekt entgegenzubringen. Nur zwei Fragen noch. Feiern WESTBAM und insbesondere Rainald Goetz hier nicht einen progressiven Techno mit Pop-Appeal, der so gar nicht mehr existiert? Und: warum vergleicht sich WESTBAM ständig mit Helmut Kohl?



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aus Intro #44 (Mai 1997)
 
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