Eine Geste der Solidarität
»Yoko Ono, Cibo Matto, Marc Ribot, Arto Lindsay«
Text: Autor unbekannt
Die gesamte alternative Szene von Manhattan und Brooklyn war anwesend. Schließlich ging es ja nicht um irgendeinen Anlaß, sondern um ein Benefiz-Konzert für Dougie Bowne, den Trommler, der jahrelang für das rhythmische Rückgrat der LOUNGE LIZARDS, des ARTO LINDSAY TRIOs, der ROOTLESS COSMOPOLITANS, YOKO ONOs und CIBO MATTOs gesorgt hatte. Gerade als er im Begriff gewesen war, mit seinem viel bejubelten Debüt-Album 'One Way Elevator' in den Jazz-Himmel abzuheben, hatte er sich einen unreinen Schuß versetzt und war erst einmal ins Koma abgetaucht. Daß er daraus überhaupt wieder erwachte, gleicht einem kleinen Wunder. Doch nun geht's ans Überleben, und das ist teuer, vor allem, wenn man das Leben als solches neu erlernen muß.
Und alle waren dem Ruf gefolgt. Von Jim Jarmush bis Elliott Sharp. Dabei sind Benefiz-Konzerte in Amerika keine große Sache, denn alle zwei Wochen kann irgendein Musiker seine Krankenhaus-Rechnung nicht bezahlen, steht ein Club vor der Schließung, oder hat jemand durch einen Einbruch seine ganze Habe verloren. So groß die Konkurrenz der amerikanischen Künstler untereinander auch sein mag, so stark ist auch ihr Solidaritätsgefühl in Zeiten der Not. Dougie Bowne war selbst anwesend und genoß den sichtlichen Andrang der Massen. Mehr als tausend Leute wälzten sich durch die Pforte des Tramps und entrichteten die 18 Bucks, die für den Eintritt erforderlich waren, und nicht wenige von ihnen reihten sich in die lange Schlange, die darauf wartete, dem beinahe bewegungsunfähigen Trommler auf die Schulter zu klopfen und ein paar aufmunternde Worte zu verabreichen. Den Anfang auf der Bühne machte unterdes das Trio von ARTO LINDSAY. Am Baß hatte er Melvin Gibbs, den schwarzen Hünen der ROLLINS BAND. Und am Schlagzeug war natürlich nicht Dougie Bowne. LINDSAY spielte hauptsächlich Material von seinen letzten beiden Alben, aber das toxische Verhältnis von romantischer Ausgelassenheit und latenter Aggression, für das LINDSAY berüchtigt ist, wollte sich nicht so recht einstellen. Seine Noise-Attacken wirkten müde, sein brasilianisch gehauchter Gesang ein wenig gezwungen. Er blieb weit hinter dem Standard zurück, den er selbst gesetzt hat. Da halfen auch Gibbs' hämmernde Baß-Figuren nicht. Vielleicht war es einfach dem Umstand zuzuschreiben, daß das Gros des Publikums wegen CIBO MATTO gekommen war, und LINDSAY spürte, daß niemand für ihn ein Ohr zu haben schien.
Der Set von MARC RIBOTs neuem Trio mit der Rhythmus-Gruppe der JAZZ PASSENGERS, Brad Jones und E.J. Rodriguez, stand da schon unter einem wesentlich günstigeren Stern. Der augenzwinkernde Surf-Latin-Stil, den RIBOT sich zu eigen gemacht hat, schien den Geschmack des Publikums voll zu treffen. Vor allem war es ein Trio, das RIBOT in dieser Weise noch nie vorgestellt hatte. Bei seinen ausgedehnten Gitarrensoli, deren Tempo an den stolpernden Slapstick-Gang von Charlie Chaplin erinnerte, konnte man sich fallen lassen wie in einer Hängematte. Die drei Musiker waren dermaßen gut aufeinander eingespielt, als wären sie schon seit Jahren miteinander zugange (was sie ja auch tatsächlich waren, denn immerhin gehörte Herr RIBOT ja mal für 1000 Tage zu den JAZZ PASSENGERS). Ihr gemeinsames Geflecht war so löcherig wie ein Schweizer Käse, und doch fanden sie immer die Ballance, um nicht selbst in diesen Löchern abzustürzen. Als RIBOTs Auftritt dann in einer ekstatischen Hardcore-Version von DUKE ELLINGTONs 'Caravan' mündete, hatte er das Publikum endgültig auf seiner Seite, doch da machte er schon die Bühne frei für CIBO MATTO.
Die beiden Japanerinnen hatten sich um einen Schlagzeuger und einen Bassisten (Sean Lennon) verstärkt. Vor allem letzterer verlieh dem Projekt unglaublichen Druck. Wer CIBO MATTO als Bonbon-Pop-Act im Gedächtnis behalten hatte, durfte die Band nun staunenden Ohres ihre Punk-Variante zelebrieren hören. Die Songs des Albums wurden mit doppelter Geschwindigkeit und vierfacher Lautstärke gespielt. Nach und nach wurde die Bühne immer voller. MARC RIBOT gesellte sich zu ihnen, gefolgt von JAZZ PASSENGERS-Posaunist Curtis Fowlkes, dem Star-Trompeter Dave Douglas und einem brasilianischen Sänger, der mit der Band dann Lieder von Antonio Carlos Jobim intonierte. Das Publikum konnte gar nicht genug davon kriegen.
Als schließlich YOKO ONO on stage gelangte, hatte sich an der Besetzung gar nicht so viel verändert. CIBO MATTO waren vollständig auf der Bühne geblieben und mit ihnen MARC RIBOT. YOKO ONO stellte gleichzeitig die eisige und die heiße Dusche an. Ohrenbetäubende Noise-Brecher wechselten sich mit geradezu sphärischen Rezitationen ab. Sie sprach und schrie von Opfern und Verlust, und jeder im Publikum konnte sich einen eigenen Reim darauf machen, ob nun von Dougie Bowne oder von JOHN LENNON die Rede war.
Über den eingangs formulierten Solidaritätsgedanken hinaus bewies dieses Konzert noch eines: Die Reihen der New Yorker Musik-Szene sind eng gefügt. Jeder spielt in diesem eklektischen Ameisenhaufen mit jedem. Genres spielen dabei keine Rolle. Wenn Du wirklich etwas zu sagen hast, dann ist es egal, wie Du es sagst, Hauptsache, Du sagst es. Dougie Bownes Rechnungen dürften mit diesem Event wieder bezahlbar geworden sein. Von der sich damit verbundenen Befriedigung abgesehen, konnte das Publikum mit dem Gefühl nach Hause gehen, einem Ereignis beigewohnt zu haben, von dem man auch noch in fünf Jahren sprechen wird.
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