BEWERTEN
 

Don’t Mess With Texas

»South By South West«

[12.-17.03. - Austin/Texas]

Text: Autor unbekannt

Jedes Jahr Mitte März findet in Austin/Tx die texanische Popkomm, die South by South West (SXSW), statt. Das Musiker-Dorado am Colorado stimmt die Gitarren, stellt die Verstärker auf die Bühnen (von denen es unzählige gibt) und lädt Musiker aus der ganzen Welt ein - dieses Jahr u. a. ATARI TEENAGE RIOT (das große neue Ding in den USA), ARNO (Belgier und in grauer Vorzeit mal Sänger von T.C.MATIC - nicht das große neue Ding in den USA) oder FLUFFY (sehen live auch ziemlich klasse aus) - sowie jede Menge amerikanischer Acts, die irgendwann mal big sein wollen oder es mal waren, diesmal u. a. IMPOTENT SEA SNAKES (von denen gibt es nachher noch mehr), SUPERSUCKERS (auch hierauf wird noch ausführlich eingegangen), CHOKEBORE (von denen man ja seit langem sagt, daß sie bald big seien) und 20/20 (reanimierte Austin-Legende, von der man [Hallo Dirk] heute behauptet, sie wäre schrecklich wichtig gewesen).

Die Liste ließe sich noch deutlich verlängern, offiziell waren ca. 700 Bands gemeldet, von denen einige allerdings nicht kamen - vergeblich warteten wir z. B. auf SICK OF IT ALL -, dafür entschädigte die eine oder andere Überraschung, u. a. METAL CHURCH und SLOWBURN, die vor Ort im Kreise erlauchter VIPs ihre neuen Alben vorstellten. Obwohl es dieses Jahr keine wirklichen Entdeckungen gab, fanden sich doch für jeden Highlights. Für die einen waren es vielleicht CAKE und SOUL COUGHING in der großen Austin Music Hall, für mich eindeutig die IMPOTENT SEA SNAKES. Zwar kann man die musikalische Seite der Band getrost ignorieren, doch allein das Bühnen-Design hätte einen Preis verdient: durchgeknallte alte Dragqueens in High Heels und Leder-Tangas spielten den Sound für ein Spektakel, das mit aller Gewalt nur ein Ziel hatte, gegen sämtliche ur-amerikanischen Werte zu verstoßen. Das verbrennen der Fahne gehörte ebenso dazu wie gekreuzigte, nackte Frauen mit Peitschen, die anfänglich erst einmal zwei Zuschauer oral befriedigten und danach mit Dildos spielend über die Bühne tanzten, im Hintergrund flackerte das von KISS adaptierte ISS-Logo, und zwischen den Verstärkern standen unzählige Monitore, auf denen die neuesten Disneyproduktionen zu sehen waren. Ob der geballten Ladung Provokation blieb einem nur noch der Mund offen stehen. Die gesamte Situation entpuppte sich schließlich als völlig surreal, als ich mir ein leckeres Shiner Bock (lokales Bier, mehr unter www.shiner.com) bestellen wollte, und mir die Bedienung erklärte, daß man bei „Nude\\"-Veranstaltungen in Texas leider keinen Alkohol verkaufen dürfe. Die Einheimischen waren sämtlich darauf vorbereitet und hatten sich ihre eigenen Six-Packs mitgebracht. Ich bekam also von irgendwoher ein Guiness aus der Dose gereicht und lief kopfschüttelnd durch die Halle. Am nächsten Tag waren ISS beim Frühstück und auf der Messe DAS Gesprächsthema.
Um sich die Zeit zwischen den Nächten zu vertreiben, wurden die Shopping Malls und Westernstores der näheren Umgebung geplündert - und die Kreditkarten strapaziert -, so daß man einen weiteren Höhepunkt dieser Veranstaltung, die SUPERSUCKERS, stilgerecht mit Boots und Cowboy-Hut gekleidet adäquat genießen konnte. Die Cowboys mit den drei Akkorden waren gekommen, um die Welt zu verändern, doch Regen machte die Open-air-Veranstaltung zu einer Angelegenheit für harte Jungs und verliebte Mädchen. Der Vierer aus Seattle hatte an diesem Abend seine Feuertaufe, erstmalig wurde der akustische Country-Set aufgeführt - und frenetisch gefeiert. Die Sauger, soviel war schon nach den ersten Minuten klar, werden schon viel zu lange als Geheimtip gehandelt. Würden sich die Herren um Eddie Spaghetti endlich entscheiden - die Rockwelt würde die Türen zur großen Bühne des internationalen Erfolgs weit aufhalten.
Die letzten Klänge der SUPERSUCKERS gingen einher mit den ersten Anflügen von Abschiedsstimmung. Am nächsten Morgen schien die Sonne, und der Weg zum Flughafen war ein schwerer. Was bleibt, ist die Gewißheit, daß Austin auch bei Regen rockt, daß Shiner Bock zu den besten aller Biere zählt und daß SXSW auch 1998 wieder die schönste aller Musikmessen sein wird.



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aus Intro #44 (Mai 1997)
 
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