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Blur

»Blur«

[Spin / EMI / VÖ: 27.10.2000 ]

Text: Autor unbekannt

Sie schauen nach innen. Das ist gut so. Nach langer Abstinenz vom Bühnenlicht fällt das fünfte Album der wichtigeren englischen Popband erfreulich persönlich aus, was beim schlichten Titel 'Blur' beginnt. Ich will gar nicht auf den dämlich hochgepushten Streit mit der anderen englischen Popband eingehen, der nach 'The Great Escape' dazu beitrug, daß sich das Quartett eine längere Selbstfindungspause verordnete. Was es jedoch gefunden hat, ist eckig, zerfahren, sperrig, challenging und führte überhaupt zur visionärsten Platte seit 'Modern Life Is Rubbish'. Als Abgesang auf den hüllenlosen Begriff des Britpop deklariert, bahnt sich das wüste 'Song 2' nach dem Opener 'Beetlebum', traditionsgemäß die erste Single, seinen Weg und stellt klar, daß wir uns nicht auf die übliche Melodiestrophe, den anheimelnden Melodierefrain, vielleicht noch ein Melodiesolo einstellen sollten.

Der recht ernstgemeinte 'Country Sad Ballad Man', der auch so klingt, wie er heißt, bildet mit den beiden Vorgängern eine Schnittmenge aus dem merkwürdigen Pandaimonion an Songs, das die Platte für uns bereithält: von augenzwinkerndem Pop über rotzige 2-Minutenformate ('Chinese Bombs') bis hin zu drumloopgesteuerten Moderballaden ('Death Of A Party'). 'Blur' ist zur Therapiestunde geworden. Nicht mehr der behäbig debile Durchschnittsengländer steht im Mittelpunkt der Texte, die Aftershowparty und der gestrige Gig ('Look Inside America', wird wohl die zweite Single) rücken ins Rampenlicht. Als Korrespondenz zu den sarkastischen Texten brechen BLUR ihre Songs auseinander, schicken Gitarren über die Bandübersteuerung, Schlagzeuge in die Summenkompression und cleane Gesänge ins Buch der Geschichte. Verstimmte Moogs, steinzeitliche Hallspiralen, Retrozitate hier und da - die 8minütige Session 'Essex Dogs' wäre vor einem Jahr nicht möglich gewesen: Viel Schmutz wirbeln sie auf, böse Jungs sind sie geworden; die so schöne, medientaugliche englische Schnodderigkeit ist über den Rand gequollen, zum beißenden Zynismus geworden und wird BLUR mit dieser Platte recht unbeliebt machen, kehren sie doch der einsamen Spitze mit einem 'Eat this!' auf den Lippen die kalte Schulter zu. Was vom Begriff Britpop übrigbleibt, ist die kaputte Rille unter 'You're So Great'. Ich kann BLUR wieder in die Reihe meiner Lieblingsbands stellen (ohne feilich vor 'Blur' das 'White Album' einer frühen englischen Popband gehört zu haben). Für mich kleinen unkompatiblen Wurm ist es sogar die erste Platte des Jahres.



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