BEWERTEN
 

Metallica

»21.10.96«

[Dortmund, Westfalenhalle]

Text: Autor unbekannt

Als Exil-Kölner in Osnabrück ist es oft nicht einfach, seine Freizeit sinnvoll und unterhaltsam auszufüllen, da kann der Besuch eines FLIPPERS-Konzertes schon ein echtes Highlight sein, zumal dann, wenn man im Besitz eines Backstagepasses ist. Allen Ernstes: seit dem Ausflug zur \"Tuffi\"-Molkerei - einem Betrieb, der sich nach einem aus der Wuppertaler Schwebebahn gefallenen Elefanten benannt hat - mit der vierten Klasse habe ich keinen auch nur annähernd so erheiternden Blick hinter die Kulissen eines Unternehmens mehr geworfen, ... mal abgesehen von einem Bordellbesuch mit dem serbischen Manager einer Frankfurter Punkrockband, der hauptberuflich Geschäftsführer eines der größten Freudenhäuser Europas war.

Ein Berufsziel, das der \"Schlagzeuger\" der badischen Rentnerträume laut eigener Aussage ebenfalls seit frühester Jugend anstrebte, aber zugunsten seiner Vollplayback-Karriere, nicht ohne eine kräftige Portion Wehmut, an den Nagel hängte. Seine geistige Verbundenheit mit der wirtschaftlichen Elite des horizontalen Gewerbes bringt der Mann auch heute noch gerne durch seinen exaltierten Modegeschmack zum Ausdruck. Selten hat jemand so ausdrucksvoll Pailletten-besetzte Satinjacketts mit Hawaii-Hemden, Goldklunkern und einer Frisur, die bestenfalls als Karikatur eines Bastards aus denen Kevin Keagans, Roberto Blancos und Thomas Cüppers durchgeht, miteinander kombiniert. Entschuldigen Sie, Thomas Cüpper, den können Sie ja gar nicht kennen. Es sei denn, Sie waren in der Grundschule mit mir und Thomas in einer Klasse, aber dann könnten Sie sich ja auch an den Besuch der „Milchwerke Bergisch Land“ erinnern, in dessen Verlauf sich Thomas in eins der überdimensionierten Rührgefäße übergeben mußte. Sie werden sich vorstellen können, daß ich mich beim abschließenden Joghurt-Gelage der Milchspeise gegenüber nicht anders verhalten habe, als ich es noch heute im Angesicht eines Altbieres zu tun pflege.
Nachdem Thomas nach der Grundschule aufs Brettergymnasium wechselte, ich dagegen die akademische Laufbahn einschlug, um mich auf meine spätere Karriere als Kolumnist vorzubereiten, verlor ich den Gutesten eine ganze Zeitlang aus den Augen. Jahre später, im Laufe eines dieser in Kleinstädten so beliebten Straßenfeste des örtlichen Einzelhandels, drängelte ich mich durch die überfüllte Fußgängerzone meines damaligen Heimatstädtchens, eines wohlfeilen Mittelstandsatelliten des schönen Kölns, in der Hoffnung, den auf zerschlissenen Kartoffelsäcken zitternd ihre Herzensschätze für eine Handvoll Wurzelgemüse versemmelnden Vorstadtkindern die eine oder andere BOBBY ORLANDO-Single entreissen zu können, als meine Stirn mit einem Mal unangenehm heftig mit einer massiven Palisander-Bohle Bekanntschaft schloß. Als ich unter starken Schmerzen die Augen öffnete, sprang mir der in erhabenen goldenen Lettern auf dem Balken prangende Name Thomas Cüpper ins Gesicht. Weit über mir, in geradezu schwindelerregender Höhe, ortete ich schließlich des Verschollenen beeindruckende Fred Fußbroich-Miniplis. Ein Conférencier in fliederfarbenem Ehehygiene-Artikel-Vertreter-Blazer klärte mich über Mikrofon dahingehend auf, daß es sich hier um eine Werbeveranstaltung des Heimorgelherstellers „Hohner“ handele und mein ehemaliger Klassenkamerad soeben eine monströse, mehrstöckige Variante dieses Dinosauriers unter den Dösbaddelinstrumenten bearbeite. Eine Spezialanfertigung, ganz allein führ ihn zusammengeschustert, wie mir der Starorganist wenig später versicherte. Wer hätte das gedacht, dem Joghurtgöbler stand offensichtlich eine atemberaubende Karriere als Alleinunterhalter auf Kaffeefahrt-Verkaufsveranstaltungen bevor. Jawohl, der junge Mann sei eine Koryphäe auf seinem Instrument, bestätigte denn auch der aus Lokalfunk und Werbefernsehen bekannte Moderator, und er habe eine goldene Zukunft vor sich. Der Neid trieb mir die Tränen in die Augen. Während ich meine Jugend verschwendete, indem ich senilen Senioren den Schniedel abschüttelte, würde Thomas durch die Weltgeschichte reisen und in die Fußstapfen eines ADY ZEHNPFENNIGs oder KLAUS WUNDERLICHs treten, am Ende gar wie FRANZ LAMBERT in den Fußballarenen dieser Welt Seite an Seite mit Legenden wie Paul Breitner und Sepp Meier alle Register ziehen. Legenden, unantastbare Halbgötter, natürlich nur für unsereins, für den Mann hinter dem Hochaltar der Instrumentalmusik, verdientermaßen, Brüder in Geist und Frisur, ... einer Frisur, mit der Thomas bereits als Säugling gesegnet war. Welch mächtiges Omen, das! Hatte nicht sogar der große ADY ZEHNPFENNIG noch kleiner angefangen als unser hoffnungsvoller Newcomer, gänzlich ohne Spezialanfertigung, mit einer geliehenen Dr. Böhm-Orgel, selbstverfaßten Presse-Infos und einer Autogrammadresse, die die des Orgelherstellers war, bei dem er hauptberuflich als Lagerhilfskraft beschäftigt war? Und doch konnte man ihn keine zehn Jahre später auf seinen Plattencovern hinter seiner eigenen, im Flackern der Lichtorgel geradezu überorgelisch erscheinenden, nigelnagelneuen „Versi“-Orgel bewundern, ... als einen DER Vertreter des Galaxy-Sounds.
Das gemahnt mich an einen ganz anderen jungen Künstler, in dessen Laufbahn es erstaunliche Parallelen gibt. „Mozart“ nennt er sich und wird nach nur vier Longplayern als Mitbegründer eines ganzen musikalischen Genres gefeiert: Comedy-Gothic. So widersprüchlich diese Kombination zu sein scheint, als so stimmig erweist sie sich auf den Alben seiner Band UMBRA ET IMAGO, die, was ihre Vorreiterstellung in der Gunst der Comedy-Gothic-Fans betrifft, nur noch von Thilo Wolff und seinen LACRIMOSA übertroffen wird.
Wo „Mozart“ seine Texte mit anzüglichen Plattheiten - nah an dem von mir für unerreichbar gehaltenen Niveau eines Fip Asmussens - würzt, streut Wolff herrlich alberne Ostrockzitate der PUHDYS-Schule in seine mit DÖF-Texten („Ich bin der brennende Komet ...“) garnierte, leicht abgedunkelte Pupsrockmusik. Erinnert mich ein wenig an eine aus Oberschülern und Sozialkunde-Lehrern zusammengesetzte Band, die uns bei Schuldiscos regelmäßig zwang, unsere Balztänze vor den Oberstufenschönheiten zu beenden und eine Zwangszigarettenpause einzulegen. Das „Bergische Handelsblatt“ (richtig, klingt nach dem, was es ist!) hat über diese institutionalisierte Schweinerock-Kapelle, die als Zugabe immer „Smoke On The Water“ zum besten gab, einmal geschrieben, sie sei die wahrscheinlich beste Amateurband Deutschlands. Mal ganz im Ernst, was kann man Schlimmeres über eine Rockband sagen? Leider ist das allerdings auch so ziemlich das Wohlwollendste, was man über LACRIMOSA loslassen kann, ... daß sie klingen, als wären sie eine der besten Amateurbands Deutschlands, was beinhaltet, daß man durchaus mit „Smoke On The Water“ als Hiddentrack rechnen darf! Kommen wir zurück zu Freund „Mozart“, dessen selten dämliches Pseudonym uns erst einmal kein Hindernis sein soll, ihm wohlgesonnen gegenüberzustehen, ... schließlich sind Humoristen seines Kalibers nicht so reich gesät, als daß man ihnen das Kalauern unnötig vergällen sollte. Jetzt, lieber Leser, sagen Sie sich bestimmt, das ist ja alles gut und schön, aber was hat das alles mit ADY ZEHNPFENNIG zu tun. Nun, auch Mozart schreibt seine Presse-Infos selbst, und wie uns ADY geizt er nicht mit Superlativen. Zitat: „UMBRA ET IMAGO wurden nie künstlich ‘gehypt’, alles wurde mit viel Schweiß erkämpft. Das gibt der Band den unverwechselbaren aufrechten Charakter und beschert dem charismatischen Frontmann Mozart den wohlverdienten Idolstatus.“ Eine Frage hat ADY ZEHNPFENNIG im Gegensatz zum Gottvater des Comedy-Gothic allerdings nie aufkommen lassen, der sich in seiner Bio mit folgenden Worten an den Leser richtet: „Was haben Hexen und UMBRA ET IMAGO gemeinsam?“ Die Antwort spricht für seinen einzigartigen Humor: „Sie wurden beide inquisitorisch verfolgt. Die ersteren durch pervertierte religiöse Fanatiker, die zweiten durch verklemmte Schreiberlinge der Printmedien.“ Mein Gott, was habe ich gelacht. Gestatten, Detlev Pirsig, Großinquisitor!
Allen Ernstes, so habe ich mir bis zum METALLICA-Konzert nicht mehr den Bauch halten müssen. Da allerdings wurde ich dermaßen von Lachkrämpfen geschüttelt, daß ich bereits gegen Mitte des dritten Songs mit tränenüberströmtem Gesicht auf dem Boden kniete. Selten dermaßen über-entertained worden. Diese Band, die wie UMBRA ET IMAGO nie künstlich „gehypt“ wurde, lief in das Hallenrund ein wie weiland FRANZ LAMBERT ins Münchner Olympiastadion, um dabei in bester FLIPPERS-Tradition den Publikumskontakt zu suchen. Ein jeder Musiker ließ sich via Abklatschen verschwitzter Headbangerpranken den wohlverdienten Idolstatus bestätigen, um sich nach Abschluß der Ehrenrunde ein ruhiges Plätzchen hinter einem der an allen möglichen und unmöglichen Plätzen auf, zwischen und um die Bühnenteile herum aufgestellten Mikros zu suchen und dort erst einmal ein munteres Schwätzchen mit einem der Roadies zu starten und bei voller Saalbeleuchtung munter jammend über ein mir leider entfallenes Insrumental in „So What“ einzusteigen. Das Licht blieb dann auch erst mal an. Keine Panne, Konzept, das. Der Touralltag als Bühneninszenierung. Will sagen: da, schaut her, ... keine Tricks, keine doppelten Böden, alles echt, das gibt uns diesen unverwechselbaren aufrechten Charakter. Nicht wie bei den FLIPPERS, wo die nicht angeschlossenen Keyboards von Busfahrern und Beleuchtern bearbeitet werden und der Schlagzeuglude aus Angst runterzufallen aufhört zu spielen, wenn das Drumpodest sich in beängstigende zwei Meter Höhe windet, ohne daß allerdings der Umta-Umta-Beat stoppen würde. Ja ja, hier wurde alles mit viel Schweiß erkämpft. Dachte man sich, ... und - zack - ging das Saallicht aus, einbeinige Roboter schossen Laserstrahlen durch die Halle, Flammen schossen in die Luft, und unter der Bühne schien ein Vulkan auszubrechen. Unwillkürlich fragte sich der überrumpelte Zuschauer, wo denn die weißen Tiger bleiben und ob man nach dem Konzert wohl ein Spielcasino im Foyer fände. Nicht unerwähnt bleiben sollten an dieser Stelle auch die Ansagen. Eindeutige Favoriten: „Do you want heavy?“ und „C.O.C. are kinda friends of us, ... or shit.“ Was sind dagegen Möchtegern-Anheizer wie „Ich habe vor der Show mit dem Hausmeister gesprochen, ihr könnt da oben ruhig aufstehen, ohne daß der Balkon abbricht“ oder „Stellen Sie sich einfach vor, meine Damen, sie heißen Gabi“? Begreifen Sie? Genau, deshalb endet die Show bei METALLICA ja auch in einem Weltuntergangs-Szenario aus herabstürzenden Scheinwerferbatterien, erhängten Spotfahrern und brennenden Roadies - und bei den FLIPPERS mit welken Küßchen von einsamen Hausfrauen und einer hastig hinter der Bühne ge-exten Flasche Veterano. Prost und ein frohes Weihnachtsfest wünscht Ihnen Ihr



Artikel kommentieren
aus Intro #40 (Dezember 1996 / Januar 1996)
 
  • Mehr Infos

  •  
Metallica
Alle Artikel von Autor unbekannt
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • Nächste Tour-Termine

  •  
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 
  • ÄHNLICHE PLATTEN

  •  
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]