BEWERTEN
 

Die Toten Hosen

»14.10.96«

[Stadthalle Osnabrück]

Text: Autor unbekannt

Zu meinen absoluten Lieblingssendungen gehören diese in unregelmäßigen Abständen ausgestrahlten Mallorca-Reportagen. Sie wissen schon, jene brimboriösen Beiträge, die mit dem hoffnungslos überzogenen Anspruch, einen repräsentativen Querschnitt der Inselgesellschaft und ihres kulturellen Oeuvres zu featuren, an den staunenden Zuschauer herantreten, schlußendlich allerdings meistenteils dieselben vorgestanzten Charaktere beleuchten. Extrem en vogue sind in diesem Zusammenhang zum Beispiel herrlich tendenziöse Berichte über schnittige Schwabinger Koksbohemians, die ihre Zwei-Milliarden-Ocken-Strandvillen veräußern, um sich in die todschicke Ursprünglichkeit des Nordendes der Insel zurückzuziehen und dort auf einer Finca mit angeschlossener Zitrusfruchtplantage bona fide der Straußenzucht zu widmen.

Hirnamputierte Gecken, denen gegenüber sogar die degenerierten Höhlenplötzen vom \"Ballermann 6\" einen deutlichen Sympathiebonus verdient haben. Jene Kaste übrigens, auf die in erwähnten Übertragungen bevorzugt und entsprechend tiefschürfend - will meinen langatmig - eingegangen wird. Durchaus verständlich, handelt es sich doch um eine erstaunliche Spezies Mensch, deren Auftreten in solch geballter Form ansonsten nur noch im Festzelt beim Offermannsheider Karneval, bei Rekrutenvereidigungen sowie in Konzerten der BÖHSEn ONKELZ und TOTEN HOSEN zu belauern ist. Ein Phänomen, dem das Management letztgenannter Schunkelpunker längst auf die Schliche gekommen ist. Bereits letzten Sommer konnte man in den Großraumdiscotheken der Balearen sowie der Costa Blanca, - Brava und - Cordalis irre abgedreht gekleideten Trüppchen begegnen, die ulkige Gimmicks an die pubertierenden Neckermänner verteilten: sogenannte Promotionteams, angeheuert von der HOSEN-Company JKP. Im Stil allseits bekannter und beliebter Zigaretten-Drückerkolonnen betrieb man vorort - quasi an der Basis - Werbung für das aktuelle Produkt der Düsseldorfer Kasperlerevoluzzer. Jawohl, da hatte jemand mitgedacht. Ich für meinen Teil gehe mal wohlwollend davon aus, daß die Künstler von dieser Aktion nichts wußten. Letztendlich glauben die Herren immer noch fest daran, ihr Stammpublikum rekrutiere sich aus Hausbesetzern und Plattenputzern, die zu ihren Konzerten nur deshalb nicht erscheinen, weil diese in der Regel abends stattfinden ..., während die Punker althergebrachten Traditionen folgend ihre Häuser vor den Bullen verbarrikadieren bzw. den warmen Platz auf dem Kaufhausluftschacht bewachen. Immerhin, auf den Open-airs sind sie alle da, ... außer bei Rock am Ring. Natürlich gibt es auch dafür eine Lösung. Alle Wege in die Eifel führen über Köln. Da ein aufrechter Punkrocker und HOSEN-Anhänger nun mal passionierter Altbiertrinker ist, ... wird es ihm niemals gelingen, Köln lebend zu durchqueren. Einmal durchschaut, hätte man ihn sofort in einen Stadtrundfahrtsbus voller bis unter die Zähne bewaffneter zionistischer Ostblock-Emigranten gesteckt, eine bei den Einheimischen außerordentlich beliebte Strafvariante, die man sich mangels Löwen oder ähnlichen Getiers bereits einfallen ließ, als der Ort noch Colonia Ara Agrippinensis hieß. Gell, Campino weiß, wolang der kölsche Hase in Köln hoppelt. Wüßte er allerdings des weiteren von den lustigen Trüppchen, die die in Kroatien stationierten bundesrepublikanischen Soldaten mit T-Shirts (Aufschrift: Auf dem Kreuzzug ins Glück) versorgten, ihm wären hier wie auch anderswo die Schenkelbürsten mit der obligatorischen Schnürlederhosen-, BW-Hemd- und Crocodile-Dundee-Hut-Ausstattung stärker aufgefallen. Obwohl das auf dem einen oder anderen Konzert der Schlütertruppe des Rock'n'Roll-Zirkus’ gar nicht so einfach ist, gehen diese Pissefressen in den Massen stiernackiger Fettsäcke mit ONKELZ-Uniform gelegentlich regelrecht verloren. Mit Fug und Recht könnte man das Gastspiel in der Osnabrücker Stadthalle als Präzedenzfall bezeichnen. Der aufmerksame Zuschauer dürfte Zeuge eines gar erstaunlichen Phänomens geworden sein: Der schwitzende Moshpit - vor Konzertbeginn noch nahezu vollständig in Merchandise der Geläuterten-Fascho-Schule gekleidet - wurde von den Ordnern so geschickt mit Stößen und Schubsen traktiert, daß sich der heftig transpirierende Hexenkessel vor der Bühne spiralförmig auszurichten begann, was dazu führte, daß im Laufe der Veranstaltung jeder Anwesende via Rotationsverfahren am Merchandise-Stand der Bierzelt-Hardrocker vorbeigeschoben wurde und dort ad hoc die Gelegenheit wahrnahm, sein Outfit zu wechseln. Obwohl nun - zumindest äußerlich - hundertfünfzigprozentig auf Linie getrimmt, kam es immer noch vor, daß die gröhlende Herrensauna ein wenig die Kontrolle verlor. So schienen selbst die Flingerner Barden ein wenig ins Grübeln zu geraten, ob auf \"Wir lieben unser Land ...\" tatsächlich \"... von der Maas bis an die Memel\" folgt. Daß das gesamte Publikum statt \"... wir schießen eins, zwei, drei, vier Bullen ab\" die ihm aus Funk und Fernsehen sattsam bekannte, auf das drolligste umzensierte \"Kuhversion\" bevorzugte, schien auf der Bühne niemand zu bemerken. Vermutlich wurde der zugrunde liegende Fall von erfolgsorientierter Selbstverstümmelung genauso verdrängt wie die Autoritätsposition, die die HOSEN realiter in Hooligankreisen mittlerweile besetzen. Nähme die in ihrem Bewußtsein eine präsentere Stellung ein, sie hätten eine Klage seitens des Osnabrücker Bauernverbandes problemlos vermeiden können, der das Massaker, das in dieser Nacht auf Osnabrücks Weiden geschah, naheliegenderweise den TOTEN HOSEN in die Schuhe schieben möchte. Von zahlreichen Zeugen beobachtete mit \"Ficken, Bumsen, Blasen\"-Leibchen bekleidete Schnäuzerträger, die \"... wir schießen eins, zwei, drei, vier Kühe ab\" brüllend hinter Rindviechern herballerten, scheinen den Verdacht der Landwirte als alles andere als haltlos zu bestätigen. Womit DIE TOTEN HOSEN nach JUDAS PRIEST und SLAYER wohl das erste deutsche Kapitel der beliebten Serie „Dumpfrockende Agitatoren vor Gericht“ einläuten werden. In Erwartung eines spannenden Fernsehabends verbleibt popcornkauend Ihr



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aus Intro #39 (November 1996)
 
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