BEWERTEN
 

Crash

»Kanada 1996«

[R: David Cronenberg; D: James Spades, Holly Hunter, Elias Koteas, Deborah Unger, Rosanna Arquette]

Text: Autor unbekannt

Toronto. Auf dem Balkon ihres Hochhausappartments mit Blick auf den endlos fließenden Verkehr des zigspurigen Highways verführen sich der Filmproduzent James Ballard (James Spades) und seine Frau Catherine (Deborah Unger). Sie berichten sich von ihren letzten Seitensprüngen und binden dies in ihr Vorspiel ein, ohne dabei jedoch über ihren monotonen Alltag hinwegtäuschen zu können. Dies soll sich schnell ändern, als wenig später James Ballard mit seinem Auto einen Unfall mit Todesfolge verursacht. Frontal stößt er auf dem Freeway mit einem Fahrzeug zusammen und katapultiert den nichtangegurteten Beifahrer des entgegenkommenden Autos durch die Windschutzscheibe - und sich in ein neues Leben.

Denn er überlebt den Unfall mit einem zerschmetterten Knie genauso wie die nun verwitwete, aber nur leicht verletzte Fahrerin Dr. Helen Remmington (Holly Hunter) auf der Gegenseite. Beide treffen sich auf dem Krankenhaus-Flur wieder. Helens behandelnder Arzt Vaughan (Elias Koteas) interessiert sich außergewöhnlich für Ballards demoliertes Knie. Doch sein Interesse scheint über das medizinische weit hinauszugehen. Aus dem Krankenhaus entlassen, treffen sich Ballard und Remmington auf dem Schrottplatz unterhalb des Freeways wieder. Beide verarbeiten ihr Schicksal umgehend: Sie schlafen im nächstgelegenen Parkhaus miteinander. Anschließend führt Helen Ballard in einen Zirkel von Menschen ein, für die Karosserien zur erotischen Obsession geworden sind. So wird Ballard Augenzeige des James-Dean-Porsche-Unfalls der 50er Jahre, der von ausgerechnet Vaughan inszeniert wird. Vaughan ist der charismatische Führer dieser Gruppe von Autofetischisten, die historische tödliche Unfälle authentisch und orginalgetreu „nachspielen“. Vaughan vertritt seine Philosophie der „Umformung des menschlichen Körpers durch moderne Technologie“ eindrucksvoll; sein Oberkörper ist von zahlreichen Unfallen völlig vernarbt. Er glaubt, daß Sex und Gewalt, der Mensch und die Maschine eine neue Verbindung eingehen müssen. Ballard ist überwältigt von der Intensität von Leder und Schweiß, von Sperma und Metall. Der ultimative Kick verlangt nach radikalen Ritualen. Ballard löst alle Fesseln von sich und gibt sich diesem neuen Lebensweg mit Vollgas hin!
Cronenbergs „Crash“ ist die Literaturverfilmung des gleichnamigen Romans von James G. Ballard aus dem Jahre 1973. Oberflächlich erinnert „Crash“ an Cronenbergs 1982 erschienenen Film „Videodrome“ (mit James Woods in der Hauptrolle), der von der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Medienlandschaft handelt und dabei schnell ins Psychedelische abdriftet: Bildschirme beginnen zu atmen, Videokassetten bestehen aus pulsierendem Fleisch - der Mensch mutiert zum programmierbaren Videorecorder. Andy Warhol - Gott hab’ ihn selig - titulierte „Videodrome“ als „‘Clockwork Orange’ der 80er Jahre“. „Crash“ hingegen reduziert die Erlebniswelt auf das Wechselspiel Mensch-Maschine und bleibt dabei grausam realistisch. Der oben erwähnte Frontalunfall mit Todesfolge wurde mit circa 60 km/h beider Fahrzeuge abgedreht. Nicht zu schnell, daß der Zuschauer keine Explosion oder anderen Häckmäck erwartet, aber auch nicht zu langsam wie bei „Der 7. Sinn“. Diese Balance behält Cronenberg in „Crash“ kontinuierlich bei. Auf der Suche nach dem extraordinären Kick drohen Sex und Maschine zu verschmelzen. Ich kann nicht leugnen, von „Crash“ entsetzt gewesen zu sein, denn es gab keine Möglichkeit, in die Filmwelt zu flüchten. Eine ausgesprochen bemerkenswerte Darbietung Cronenbergs, die bei den westlichen Automobil-Lobbyisten für Unruhe sorgen könnte. Aber nun bin ich es, der einen konträren unrealistischen Abschluß gewählt hat.



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aus Intro #39 (November 1996)
 
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