BEWERTEN
 

Such A Surge

»Agoraphobic Notes«

[Epic / Sony / VÖ: 20.09.1996 ]

Text: Autor unbekannt

In den Anfängen, also zu Zeiten der ersten Maxi 'Gegen Den Strom' im Jahre '93, galten SUCH A SURGE als ambitionierte Newcomer mit dem gewissen Etwas, so unbekümmert ließen sie Metal und HipHop miteinander auf Deutsch und Englisch verschmelzen. Für damalige Verhältnisse war das vielen Hörern (darunter auch die INTRO-Redaktion) sympathisch. SUCH A SURGE fanden auch auf dem Plattenteller, den ich kurze Zeit beschicken durfte, einige Beachtung. Die Band wurde eingeladen, auf der ersten großen INTRO-Party in guter Gesellschaft von WALTARI, CHRIS REED, den BONES und anderen Bands aller Genres zu spielen. Das taten sie auch. Heute heißt das natürlich, sie waren so nett, auf selbiger zu spielen, denn SUCH A SURGE haben es geschafft, mit ihrer Musik von 'Fans für Fans' einen Briefkasten im Hause „Sony“ zu bekommen.

Heute kann man sich endlos darüber streiten, ob ein organisches Wachstum der Band besser bekommen wäre. Spitze Bemerkungen von uns waren vorprogrammiert, kamen und wurden von der Band mit Unverständnis und Beschwerden dokumentiert. SUCH A SURGE stellen sich jedoch der Kritik und haben von dem Moment der Veröffentlichung an keinen Einfluß mehr auf Meinungen, weder durch die Gewährung oder spontane Ablehnung von Anzeigenschaltung noch durch das Buhlen um Zuwendung. Ab jetzt zählt nur noch das, was die Band so vehement lyrisch fordert: die freie Willens- und Meinungsäußerung. Da SAS mit dieser Tatsache nie umgehen konnten, wird die Kritik zu ihrem neuen Werk 'Agoraphobic Notes' gleichzeitig zum Nachruf. Ernst gemeint? Ja, doch. Im Vergleich zum Erstling fällt mir erstens die wesentlich bessere Produktion ins Ohr. Der neue Schlagzeuger ist in den ersten Stücken ein kleines Ärgernis, denn irgendwie ist er doch sehr Metal. Wenn man diese Neuerung überwunden hat, und man kann sich daran gewöhnen, machen die 14 Stücke wesentlich mehr Türen auf wie noch die etwas anbiedernde Kollektion von 'Under Pressure'. Bedrohliche Sounds in 'Fliegen', einem eher ambientesken HipHop-Gerippe, und ein Hidden-Track mit Jungle-Anleihen zeigen neue Qualitäten, mit 'T'As Perdu' ist der einfühlsame, wenn auch etwas wütendere Nachfolger von 'Pour Toujours' geschaffen worden, 'Floating' ist SAS’ Einstieg in collagenhaftes Experimentieren. Die althergebrachte Harke kommt dennoch nicht zu kurz. Was sie von BIOHAZARD, DOG EAT DOG und restlichen Größen der HopHopJumpJump-Szene gelernt haben, Rumgeriffe und Grölchöre, findet sich in dunklen lebensverneinenden Stücken wie 'Amok', 'Memories' oder 'Mein Freund' wieder. Der Tenor 'Is life just a form of animated death?' ist der grundsätzliche und um keinen Deut überarbeitete Knackpunkt der Texte, bei denen meine Kritik beginnt. Es ist leicht, einen Katalog von Fragen auszubreiten, auch ist es einfach, diese Fragen mit scheinbar nihilistischer Grundhaltung zu untermauern, dem Leben seinen Sinn abzusprechen und ähnlicher Schwachsinn. Auch ein James Dean-Zitat, der ja bekannterweise genauso verloren durch 'Denn sie wissen nicht, was sie tun' stolperte, ist sehr wirksam. Leider nicht bei dem Versuch, sich eine musikalische Identität zu schaffen. Wollt ihr ewig Namenlose bleiben? Antworten sind natürlich schwer zu finden, schaffen jedoch erst die Grundlage für ein Bandprofil, ein Konzept. Aussagen finde ich hier nicht, allenfalls Klischees wie 'Zahme Vögel singen von der Freiheit, wilde Vögel fliegen' oder das wörtliche Zitat 'Living in the fast lane' (irgendwo tummelt sich auch noch ein 'No fronts'), eine Unabhängikeitserklärung, die den Fan vom Künstler unterscheidet, fehlt. Eine Erklärung, wer hier wen krank macht, wer sich von wem lösen soll, wer gegen wen kämpfen soll (siehe auch 'Under Pressure'-Rezension INTRO 21), bleibt erneut aus. Eine Schönheit hat 'Agoraphobic Notes' auf jeden Fall: In 'Das Netz' treffen SUCH A SURGE auf hörbar alles am Mikrofon, was sich in ihrem Freundeskreis tummelt. Die Nachricht: Rap ist globale Kommunikation, ein Netz, das dich fängt, das jeden fängt, wenn er fällt, also lach, ähm mach meinen Kumpel nicht an ... Als im März '95 (INTRO 22) ein O-Ton-Interview erschien, gab es wieder Riesenknatsch, weil sich die Band gedisst sah. In diesem Moment fühlt sich die Band wahrscheinlich wieder ziemlich gedisst. Soll ich euch 'n Kissen holen? In diesem Fall war es wenigstens das letzte Mal im INTRO. Irgendwann macht es einfach keinen Spaß mehr.



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