BEWERTEN
 

Widerstand zwecklos!

»Lost & Found European hardcore Festival 1996«

[06.10.96 - Amsterdam, Melkweg ca. 450 Zuschauer]

Text: Autor unbekannt

Wie es sich für einen richtigen Rezensenten gehört, komme ich natürlich zu spät in der alten Molkerei mitten in den Grachten an und verpasse demzufolge leider sowohl SEEKERS OF THE TRUTH aus Paris, die, wie ich später erfahre, mit der Ignoranz des Publikums und wahrscheinlich auch dem ungewohnt frühen Beginn (17 Uhr) zu kämpfen hatten, als auch Rotterdams CRIVITS, die natürlich gewissermaßen ein Heimspiel hatten und dementsprechend frenetisch gefeiert wurden. Rechtzeitig zu NOT AVAILABLE bin ich dann aber am Start und erfreue mich am recht kurzweiligen Set der Schwaben, die, in riesengroßen Sombreros steckend, ebenso wie später SKIN OF TEARS zwar nur Teile des Publikums zu interessieren scheinen, dafür aber durch ihren MILLENCOLLIN-mäßigen Melody-Core eine zumindest mir willkommene Abwechslung zum ansonsten vorherrschenden korrekten, aber humorlosen Gebretter darstellen.

Kurz darauf folgt die erste Überraschung: Die jüngste Band des Billings, RACIAL ABUSE aus Österreich, schafft es doch tatsächlich, große Teile des Publikums in die Mitte der Achtziger zurückzuführen! Eine tolle Leistung für einen zwölfjährigen Schlagzeuger und seine nur unwesentlich älteren Mitstreiter, die natürlich mit elterlicher Begleitung angereist sind. Die Songs des kürzlich erschienenen Debüts „No Need“ knallen live jedenfalls um ein Vielfaches und profitieren nur so von der ungestümen Old School-Show. Klasse Liveband! Ganz anders dagegen HARD RESISTANCE aus Belgien. Selten zuvor ein so lustlos vorgetragenes, von lächerlichen Machoposen und Klischeegesten/-blicken geprägtes Konzert gesehen. Völlig drucklos und ohne Höhepunkte plätschern die Songs an großen Teilen des Publikums vorbei (diesmal zu Recht), so daß hier wohl vom eindeutigen Tiefpunkt des Festivals gesprochen werden muß. Sollte nur noch einmal jemand in meiner Gegenwart HARD RESISTANCE als die europäischen SHEER TERROR bezeichnen, sein Hintern hätte Hochzeit!
SKIN OF TEARS haben dann, wie bereits erwähnt, einen schweren Stand beim voll auf Mosh- und Old School-HC fixierten Volk, erkennen das auch ganz genau („Wir sind eure Pausenclowns, aber gleich geht’s ordentlich weiter ...“), lassen sich ihren Spaß jedoch nicht verderben und bieten das mit Abstand originellste Set des Abends. Ihre starken Ska-Einflüsse, der bisweilen dreistimmige Gesang und die sehr guten Instrumental-Leistungen bringen ihnen dann auch doch noch einen Achtungserfolg ein.
Daß es bei BACKFIRE zu ganz anderen Gefühlsausbrüchen seitens der Audienz kommen würde, war vorauszusehen, was dann aber wirklich passiert, spottet jeder Beschreibung: Hollands zur Zeit wohl angesagteste und auch beste HC-Band brennt ein Feuerwerk ab und ballert den restlos begeisterten Fans, die euphorisch jede einzelne Zeile mitgröhlen, neben den eigenen Stücken auch einige Coverversionen entgegen, die zu tumulthaften Reaktionen führen. Als man BACKFIRE schließlich, um den Zeitplan einzuhalten, von der Bühne holen will, fehlt nicht viel, und der Übeltäter wäre gelyncht worden. Man erreicht und ergröhlt zwei weitere Stücke, die in der Euphorie des eigenen Triumphes dann auch zur Folge haben, daß zeitweise nicht ein einziger Musiker mehr zu sehen ist, weil mindestens 50 Leute die Bühne entern und sich nun darum streiten, wer ins Mikro des inzwischen in der Meute vor der Bühne untergetauchten Sängers brüllen darf. Ein unglaublicher Siegeszug und ein tolles Konzert! BRIGHTSIDE machen ihrem Namen zu guter Letzt alle Ehre und feuern eine grandiose Breitseite europäischen Hardcores ab. Daß der Auftritt von BACKFIRE kaum getoppt werden kann, ist klar, doch die Kasselaner ziehen ihr Programm ungeachtet der Tatsache, daß die meisten Leute den Raum verlassen haben und erst im Laufe des Sets zurückfinden, strikt durch. Daß „Sick-O“ und „Crossfire“, die beiden Stücke vom Sampler zum Festival („European Hardcore - The Way It Is“), am besten ankommen, ist klar, doch auch das Material der bisherigen beiden guten Releases „Face The Truth“ und „Punchline“ sowie einige Coverversionen finden, je länger das Set dauert, dankbare Abnehmer. Der Sound ist, wie übrigens bei allen Bands, sehr klar und brillant, und man merkt BRIGHTSIDE die große Routine an, die sie u. a. als Support der erfolgreichen PITTBULL-Tour sammeln konnten. Ein würdiger Abschluß.
Bleibt zu sagen, daß dies zweite Festival seiner Art (das erste fand einen Tag zuvor in Paris statt) trotz einiger organisatorischer Patzer (BACKFIRE hätten unbedingt Headliner sein müssen, um die Sache für die anderen Bands fair zu gestalten; nach Auskunft der Bands war zu wenig Catering vorrätig; weniger Bands, dafür längere Sets) als eindeutiger Erfolg zu werten ist, als Labelveranstaltung aber natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit beziehungsweise Repräsentativität der europäischen Hardcoreszene stellen kann. Der Name täuscht da etwas, mit der richtigen Herangehensweise aber größtenteils Genuß ohne Reue.



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aus Intro #39 (November 1996)
 
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