BEWERTEN
 

Social Distortion

»04.10.96 - Köln, Stollwerk«

Text: Autor unbekannt

Die letzte Europa-Tournee unserer vier tätowierten Freunde datiert auf 1992. Damit man SOCIAL DISTORTION auch in diesem Jahr sehen kann, ohne dabei die Hauptgruppe TOTE HOSEN ertragen zu müssen, sind sie so nett und geben vier Club-Konzerte mit vollem Programm. Köln ist die erste Station, und Sänger und Gitarrist Mike Ness, das sensible Stück Stahl, orakelt am Nachmittag noch nervöslich ob der zu erwartenden Resonanz. Ich geb’ ihm einen Einblick auf meine Glatze und den gemütlichen Wampenansatz und versichere nachdrücklich, daß er zumindest mit der körperlichen Anwesenheit der grauen Panker Ortsgruppe Duisburg rechnen darf. Hingehen, Platz sichern, Schnauze halten und dann vor Rührung an Gänsehautitis verscheiden - so steht’s wohl im Programmheft.

Die Hütte ist also voll, und die ersten Leute laufen bereits über, als SOCIAL DISTORTION endlich die Wartezeit auf den Tod zu verkürzen beginnen. Gleich zu Beginn verschießen sie das weißeste Pulver, echten Akustik-Koks eben, ihrer neuen Platte „White Light, White Heat, White Trash“ in Form vom Manifest „I Was Wrong“ nebst Komparse „Don’t Drag Me Down“. Der Sound mittelprächtig, das Publikum fachkundig begeistert, im Zentrum von Pogohausen direkt vor der Bühne eine Handvoll Arschgeigen. Die blöden Heinis, seit wann gehören Kick-Boxing und Hau-den-Lukas zum Ausdruckstanz? Werd’ ich nie kapieren, wie manche Leute trotz Demokratie noch frei herumlaufen dürfen, aber SOCIAL INTEGRATION spielen „1945“ aus grauer Vorzeit und lassen auch den Klassiker „Mommy’s Little Monster“ aus dem Stall. Wie alles von denen ist auch diese Kelle aus Gußeisen gebraut, mit Großstadtcowboyromantik verkorkt und loyal zu sich selbst. SOCIAL DISTORTION sind der amerikanischen Tradition mit erstaunlich gutem Geschmack ergeben. Sie saufen das Blut von HANK WILLIAMS literweise, kaufen den RAMONES die Seele ab und zehren heute noch von dem Geist, der 1979 L.A. kulturell versaut hat. Zwar spendierte Herr Ness in einem schwachen Moment am Nachmittag bei einer Pulle Kölsch das Geständnis, daß er bereits an die zehnmal „wegen kleinerer Vergehen“ im Knast gelandet sei und deshalb auch bitteschön in Ruhe sein „Prison Bound“ singen dürfe, aber die 600 alten Fans, 50 VIVA-Kucker und 3 Kölner wissen es nach diesem Abend im Stollwerk wohl besser: SOCIAL DISTORTION sind nicht nur einzigartig, sondern auch noch gut. Ob „Prison Bound“ im Bison-Sound oder „Ring Of Fire“ mit Geseier - Qualität muß sich jetzt endlich einmal durchsetzen!



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aus Intro #39 (November 1996)
 
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