BEWERTEN
 

Marianne Faithfull

»20th Century Blues«

[BMG / VÖ: 14.10.1996 ]

Text: Autor unbekannt

MARIANNE FAITHFULL, ... KURT WEILL und Bertolt Brecht ... unzertrennlich. Soweit ich zurückblicken kann (und das bezieht sich auf die späten 60er bzw. frühen 70er), geschieht es immer mal wieder, daß irgend jemand das Weill/Brecht-Archiv - dieses ganze „Cabaret Dietrich Archiv“ - aufstöbert und es traurigerweise schafft, das Material in die Nähe eines ANDREW LLOYD-WEBBER zu rücken. Nun, da wir uns dem Ende dieses verrückten Jahrhunderts nähern - ein Jahrhundert übrigens, welches, wie ich glaube, wohl kaum verrückter als vorangegangene sein dürfte, eher irgendwie schneller -, scheinen WEILL & Co in MARIANNE FAITHFULL nun endlich DIE Stimme gefunden zu haben, die befähigt ist, ihr Material ins nächste Jahrtausend und darüber hinaus zu überführen.

Und auch MARIANNE scheint ganz offensichtlich IHRE persönlichen „Geschichten-Erzähler“ gefunden zu haben. Neben den WEILL/Brecht-Songs - außergewöhnlichen Versionen von (natürlich!) „Pirate Jenny“ und „Mack The Knife“, beide von Frank McGuiness neu ins Englische übersetzt, sowie „Mon Ami“ und „My Friend“ - finden sich auf dem Album noch „The Ballad Of The Soldiers Wife“ (EISLER/Brecht), „Don’t Forget Me“ von HARRY NILSSON und „20th Century Blues“ von NOEL COWARD. Alles zusammen eine wirklich herausragende „White Trash“-Version des Blues. Das gesamte von MARIANNE ausgewählte Material hat heutzutage noch die gleiche Bedeutung wie zu seiner Entstehungszeit (was schon allein WEILLs und Brechts andauernde Popularität offensichtlich zeigt). Sei es in Weimar, sei es in London, Paris, New York, Amsterdam ... Heute. Ihre Stimme zerrt uns und das Material über zerbrochenes Glas. So - vermischt mit unendlich viel Whiskey und Zigaretten - speit MARIANNE die Lyrics mit genau dem richtigen Gleichgewicht zwischen Galle und Barmherzigkeit aus, ohne den leisesten Anflug von Selbstschutz. Allzuoft schon wurde sie als die Verkörperung des „Rock’n’Roll-Losers“ beschrieben. Während Männer, die sich Heroin-Spritzen setzen und alles ficken, was sich bewegt, als Götter und Helden betrachtet werden, erhalten Frauen bei gleichem Treiben den Stempel: Hure und Opfer. Manche Dinge werden wohl immer die gleichen bleiben; selbst im „Anti-Establishment“. Nein! Diese Songs sind mehr Rock’n’Roll-Rebellion als irgend etwas derzeit Existierendes. Gleich dem von ihr verwandten Material gibt MARIANNE zurück, was sie bekommt ..., gewaltig! Nun möchte ich eigentlich nur noch wissen, wann DIE STIMME kommt und JAQUES BREL ins Jahr 2000 befördert, denn der wird dort ebenso dringend benötigt.



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