BEWERTEN
 

Michael Nyman

»After Extra Time«

[Virgin / VÖ: 17.05.1996 ]

Text: Autor unbekannt

Fußball ist unser Leben. Dachte sich auch Komponist NYMAN, ohne den Peter Greenaway-Filme und 'Das Piano' nur halb so charismatisch gewesen wären. 'After Extra Time', also nach der Verlängerung, steht ein Ergebnis fest. Im Falle dieses drei Stücke beinhaltenden Albums ein Unentschieden, was vorrangig auf die Fußball-Antipathie des Rezensenten zurückgeführt werden kann. Natürlich spielen auf dem konzeptionell aufwendigen und ausufernden 30minütigen Titelstück zwei Teams (A: Flöte, Saxophone, Viola und Cello; B: Trompete, Flügelhorn, Posaune und zwei Violinen) gegeneinander, miteinander, kontrapunktiert und verfolgt von Bass und Piano, jedoch verweisen die Tempi auf ein eher müdes Spiel, was der Stimmung sehr guttut, gemächlich, wie die Themen in Einklang einem gemütlicheren Samstagnachmittag entgegenstreben, als es ein Spielfeld verheißen mag.

Erst die sich aufschaukelnde Dramatik in Track 11 (Strafraum) reißt uns jäh von der Bank hoch. So viel visionäres Potential in einem minimalistischen Intermezzo, fernab vom Habitus eines Soundtracks, ist schon amüsant, doch 'After Extra Time' ist mehr als nur vordergründige Verbeugung vor dem Volkssport Nr. 1. Mit 'The Final Score' erhebt eine populäre Melodie ihr drohend Haupt. Naivität auf leichten Füßen, folkloristisch angepeppt, komponiert auf der Basis einer simplen Basslinie - für eine Fußballdokumentation des englischen Fernsehens - und in 23 Minuten überbordend mutierend. Als drittes Stück enthält das Album einen Remix von 'Memorial', das schon für 'Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber' verwendet worden war. Zum Zeitpunkt seiner Uraufführung 1985 war die europäische Fußballgemeinde geschockt von der Tragödie im belgischen Heysel-Stadion, in deren Verlauf vor Spielbeginn zwischen Juventus Turin und Liverpool eine Stadionmauer unter dem Druck der Massen nachgab und mehrere Menschen unter sich begrub. Mit dieser Aufnahme, der Katastrophe gewidmet, finden wir, entgegen der Greenaway-Soundtrack-Version, ein harmonisch vielfältigeres, im Detail wesentlich dramatischeres Stück vor, das sich zum Finale hin selbst in Frage stellt. Hervorzuheben sind die Fähigkeiten der Sopranistin Sarah Leonard, der bei 'Memorial' extreme Stimmsicherheit in schwindelerregenden Höhen abverlangt wird. Ohne ein Fazit ziehen zu wollen, hat diese Platte einen merkwürdigen Beigeschmack, ist doch die Liaison von klassischer Musik und einem, sagen wir's diplomatisch, intellektuell nicht unbedingt überfordernden Sport nicht gerade offensichtlich. Man verzeihe mir meine Arroganz.



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