Mouse On Mars + Pram
28.03.96
Text: Autor unbekannt
Ein breites Klangspektrum gehört bei PRAM zum guten Ton. So war im Gegensatz zu ihrer letzten Tour de Kontinent mit STEREOLAB vor beinahe 1 ½ Jahren diesmal auch Trompeter Verdigris mit von der Partie. Dementsprechend stand der Hauptteil des Sets fest, allerdings mit angenehm variierender Abfolge. Neu war, daß jeder Song kurz angespielt wurde, ehe es nach etwa einer Sekunde Pause 'los'ging. Ein Kracher zu Beginn, 'Loose Threads' oder 'Dancing On A Star', gefolgt von drei neuen Stücken. Die Rezeptur war die altbekannte: ein ständig in Bewegung befindliches Schlagzeug, Baßparts mit der etwas anderen Betonung (ausschließlich mit dem ... Daumen gespielt!), spaceige Keyboards, getragener Gesang, und alles ineinander verzahnt.
Bei PRAM befindet sich jeder in seiner eigenen Welt, und Blickkontakte wie von Sängerin Rosie zum Schlagzeuger oder Gitarristen bleiben da die große Ausnahme. Das Geheimnis ist, daß und wie sie sich dennoch finden. Und dabei wiegen sie das Publikum sachte hin und her, so vehement rhythmisch das auch sein mag. In Heidelberg war die Bühne höchstens einen halben Meter hoch, die räumliche Distanz zur Zuhörerschaft also quasi nicht vorhanden, was die Verlockung, den versierten Instrumentalisten optisch zu folgen, nur noch vergrößerte, zumal die Entwicklung einzelner Komponenten im Verlauf wie etwa bei 'Three Wild Georges', wo der wie immer extrem sparsame Gitarrenbeitrag von offener in geschlossene Wahwah-Benutzung überging, oder die Körperbeherrschung des Rhythmusmeisters bei 'Crooked Tiles' veranschaulicht eher zu registrieren war als auf Platte. In Bielefeld dagegen konnte die Bewegungsfreiheit zum Tragen kommen, da offenbar so mancher potentielle Konzertbesucher den viereckigen Kasten vorgezogen hatte. Fazit: Immer wieder gern gesehene Band, fantastische Transparenz, selbst diejenigen, die das Quintett aus Birmingham bislang als 'langweilig' empfunden hatten, revidierten bereitwillig ihr Urteil. Tja, und doch haben sie offenbar kein Label mehr. Unglaublich, aber wahr. Ein Satz, der auf die MOUSE ON MARS-Begrüßung in Bielefeld nicht anzuwenden war, und doch ließ Andi Toma mit seiner Begrüßung, 'das ist unser letztes Konzert, wir lösen uns nach diesem Konzert auf', einige erst mal ins Leere laufen, bis allerdings 'Robbie'-Rufe aus dem Publikum laut wurden.Nachdem der Set in Heidelberg aufgrund ungünstiger Gegebenheiten wie totale Überfüllung, für solche Konzerte nicht gerade geeignete Räumlichkeiten (in der Mitte zweigeteilt), und schwammigem Sound mit fiesem Baßwummern im wahrsten Sinne des Wortes eher schlechte vibes produziert hatte, waren die Voraussetzungen in der Oetker-Metropole geradezu optimal für ein Konzert als kollektives Ereignis. Mit der Regelmäßigkeit einer chemischen Reaktion spielt sich bei MOUSE ON MARS immer wieder dasselbe Phänomen ab, irgendwann stellt man erstaunt fest, daß die Nebenfrau rechts wie aufgezogen rumzappelt, bis man bemerkt, daß man selbst etwas, was man hier im Volksmund gerne mit 'Verstand' bezeichnet, ausgeschaltet hat und unkontrolliert herumzuckt. Natürlich gibt es auch Menschen, die mit weit aufgerissenen Augen wie unbeweglich in einer Brandung stehen, andere unterhalten sich gerne. Und der Intrulf kommentiert hernach mit unzusammenhängenden Wortfetzen. Was da passiert? Eigentlich wird nur geschichtet, 'Bib' beispielsweise 'funktioniert' in erster Linie durch den berühmten Beat-, nicht Rhythmuswechsel in letzter Konsequenz, und auch in der Nachbarschaft wird kräftig gerodet. Irgendwann mal ist das Ganze so turmhoch, daß ich mich kichernd bei der Klassifizierung 'Bombast-Space-Rock' ertappe. Weniger als Entsprechung, eher als weiterer Sinnesreiz werden verschiedene Filme wie der einer vermummten Gestalt auf permanent kurvigen Wegen oder einer Achterbahn, die kurz vor dem loop wieder in die Ausgangsstellung zurückgeschnitten wird, auf Kugeln und Leinwände projeziert. Kleiner Aufwand, große Wirkung. 'Was fehlt denn?' fragt Andi, als die verzückte Menge nach der Kopplung von 'Schlecktron' und 'Frosch' noch nicht ganz die Bodenhaftung zurückerlangt hat. Vielleicht Waldmeisterbrause? I wo. Und wieder werden 'Robbie, Robbie'-Rufe laut. Sogar zwei Zugaben, Autopilot Jan mag es kaum glauben, er, der, so er sich mal von seinem Bildschirm und den Armaturen erhebt, um in die Bühnenmitte zu treten, sich dort doch sichtlich verloren oder fehl am Platz vorkommt. Und wenn man achtgibt, steht man für den Bruchteil einer Sekunde an seiner Statt da oben und kann das ganz gut nachvollziehen. Eine Coverversion (OVAL?), glasklarer Sound, suhl. Und am Bühnenrand spielt sich tatsächlich eine dieser unglaublichen Szenen ab, die man sonst nur von Britpop-Größen kennt, eine junge Dame lehnt an der Monitorbox in der allerersten Reihe, starrt Andi ca. 25 Minuten ohne Unterbrechung an und vergißt beim Appell der Chauffeurin rein zufällig ihre Handschuhe. In anderen Kreisen heißt das dann 'beste deutsche Band seit CAN', obwohl die keiner jemals live gesehen hat. Damals lief wahrscheinlich 'Mit Schirm, Charme und Melone'.
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