BEWERTEN
 

CRANBERRIES

»To The Faithful Departed«

[Mercury / VÖ: 09.07.2002 ]

Text: Autor unbekannt

Eines vorweg: Wer nach der Erfolgschronologie der Iren hier einen Pauschalverriß - frei nach dem Motto 'CRANBERRIES mögen ist doch reichlich uncool' - vermutet, soll sogleich enttäuscht werden. Denn, höret und staunet, das dritte CRANBERRIES-Album ist ein so raffiniertes Pop-Erzeugnis, daß man es - entsprechende Offenheit und Gewichtung auf die erste Albumhälfte vorausgesetzt - an gar nicht so wenigen Stellen ernsthaft mögen kann. Aber alles der Reihe nach ... Alle Beteiligten waren sich offensichtlich über die Karriere-entscheidende Funktion dieses Albums einig: Stadionband oder doch nur ungeliebtes One-Hit-Wonder - es stand sooo viel auf dem Spiel.

Und so wurde der Band nach all dem 'Zombie'-Medienwirbel beachtlich viel Zeit eingeräumt und geradezu Ruhe verordnet, für die Aufnahmen mit Bruce Fairbairn ein absoluter Top-Produzent (AC/DC, AEROSMITH oder VAN HALEN) zur Seite gestellt und das Ergebnis dieser Tage mittels einer schulreifen Marketing-Großkampagne quasi auf dem Silbertablett serviert. Da allerdings die wenigsten 'Konsumenten' populärer Musik (und die sind schließlich erforderlich, um die CRANBERRIES im Herbst in ausverkauften Arenen und zuvor in vordersten Chartplazierungen zu sehen) heutzutage ein Album ohne den dazugehörigen Hit kaufen, ist es mit einer optimalen Handelsplazierung allein noch nicht getan. Aber auch hier wurde vorgesorgt und mit 'Salvation' ein Song mit gewaltigem Erfolgspotential geboren, der, vorab als Single veröffentlicht, sicherheitshalber auch als etwas aufwendigerer Videoclip 'Heavy Rotation'-MTVIVA-Abo-Garantie erhielt. Aber auch ohne die beachtlich akribische Nutzung der Marktmechanismen - will meinen: in musikalischer Hinsicht - ist 'To The Faithful Departed' das bisher beste CRANBERRIES-Album geworden. Wie aus einem Guß purzeln gleich beim ersten Hören eingängie Melodien ins Unterbewußtsein, um dort im Nu zu Ohrwürmern (völlig wertfrei!) zu avancieren. Vor allem die ersten Songs haben Fahrt, klingen passend zur Jahreszeit trotz (oder gar wegen?) aller noch so bekannten und simplen Schemata frisch und leicht konsumierbar. Das Material sei 'eine Sammlung von Stimmungen und Erinnerungen aus dem Schatz menschlicher Erfahrungen', sagt das Info und meint damit den gefühlstechnischen Balance-Akt zwischen Leben und Tod. Daß der bei einer Band wie den CRANBERRIES nicht gerade auf einem Schwebebalken stattfindet, läßt Parallelen zu den eingangs in Aussicht gestellten Stadionrock-Größen zu. Selbst für den engagierten Imitator und empfindlichen Allergiker von Dolores 'Zohohmbie-zohombie' O'Riordans Hyperventil-Singsang bleibt die erste Albumhälfte mehr als 'erträglich'. Gönner dürften der zierlichen Dame aus Dublin gar eine gesangstechnische Nähe zu SINEAD O'CONNOR bescheinigen. Zwischen opulent inzeniertem Pathos und ungeniert geradliniger Polemik, die in auf Hochglanz polierten Betroffenheits-Songs à la 'War Child' oder 'I Just Shot John Lennon' (mit Schüssen am Ende des Songs!) nach wie vor reichlich überdimensioniert und somit weniger überzeugend denn peinlich oder schlichtweg trivial erscheint, vermag sie inzwischen gar des öfteren ihre bis dato chronisch erscheinende Scheu vor dem schlichten Gesang abzulegen. Und wäre da nicht die kaum erträgliche Penetranz der zweiten Albumhälfte, würde ich diese Rezension gar ohne Schlußkritik verlassen können. Daß diese keine vehementen Züge annimmt, soll weniger auf Verharmlosung schließen lassen als vielmehr die Sinnlosigkeit einer ernsthaften Auseinandersetzung dokumentieren. Den (Erfolgs-)Ambitionen der CRANBERRIES tut dies natürlich überhaupt keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Anforderungen werden so sehr übertroffen, daß der Stadionrock sogar als Headliner funktionieren dürfte. Spätestens im nächsten Sommer!



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