BEWERTEN
 

Mary Reilly

»USA 1995«

[R: Stephen Frears; D: Julia Roberts, John Malkovich, Glenn Close]

Text: Autor unbekannt

Es ist wohl früher Morgen, als das Dienstmädchen Mary Reilly (Julia Roberts) die Treppe vor dem Haus des Dr. Jekyll (John Malkovich) putzt, doch sicher sein kann man sich da nicht. Die Dunkelheit hat in diesem London auch den Tag erobert und die Stadt in eine ewige Nacht getaucht. Mary glaubt einen Ort gefunden zu haben, der ihr Schutz bietet vor der Finsternis da draußen, doch keine Hoffnung könnte trügerischer sein ...
In Stephen Frears neuem Film scheint sich das Kino mit seinen eigenen Mitteln zu bekämpfen, um etwas vollkommen Neues zu schaffen. Eigentlich sollte im Kino das Licht die Leinwand beherrschen, doch das Licht hat hier keine Chance.

Mary Reilly” handelt von der Macht der Dunkelheit, und so vermitteln Frears und sein genialer Kameramann Philippe Rousselot auch den Eindruck, als hätten sie den Film nur mühsam der Dunkelheit entreißen können, die alles durchdringt, alles beherrscht und jeden in ihrem Bann hält. Wenn mal eine Kerze oder ein spärlicher Streifen Tageslicht das Geschehen erhellen, dann nur, um die Schatten noch schwärzer und bedrohlicher erscheinen zu lassen. Dabei ist es Frears hoch anzurechnen, daß die konsequente Ästhetik das Geschehen nicht überdeckt, sondern sinnvoll ergänzt. Ihm ist es gelungen, das Thema seines Films, den Sieg der dunklen Seite der menschlichen Natur, auf brillante Weise visuell umzusetzen und der allseits bekannten Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde durch den ungewöhnlichen Blickwinkel eine völlig neue Dimension zu erschließen. Für das Dienstmädchen Mary Reilly ist es im Grunde keine Frage, welches Prinzip die Welt beherrscht. Sie braucht sich ja nur umzuschauen. So beobachtet Mary verängstigt, aber auch mit einer fast beiläufigen Nüchternheit, wie das Böse unvermeidlich auch in ihrem letzten Zufluchtsort die Überhand gewinnt.
Keine Frage: ”Mary Reilly” wird die Zuschauer in zwei Lager spalten. Zwischen totaler Ablehnung und vollkommener Begeisterung läßt Frears’ düsteres Horror-Drama nicht viel Platz. Doch das ist in Zeiten allgemeiner Mittelmäßigkeit in jedem Fall eine Leistung, für die man dem Regisseur nicht dankbar genug sein kann.



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aus Intro #34 (Mai 1996)
 
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