BEWERTEN
 

- 8 Tage im März -

»South By South-West«

[14.-18.03.96 - Austin USA]

Text: Autor unbekannt

Deutschland im März. Die Temperaturen immer noch weit unter dem Gefrierpunkt, bin ich doch auf der sicheren Seite, denn immerhin ist der Flug BA 104 nach Dallas längst gebucht. Wer jetzt in seinem Kopf all die beliebten Redneck-Klischees ablaufen läßt, liegt voll daneben, die Rinderherden sind hier ebensowenig zu sehen wie die Bohrtürme von J.R. und seinen Ewings, sieht also ganz so aus, als wären die guten alten Zeiten vorbei.
Dallas ist allerdings nur die Zwischenstation, denn mein eigentliches Ziel im „Land of free, home of the brave“ heißt an diesem Tag im März Austin/Texas, eine dieser typisch untypischen amerikanischen Universitätsstädte, die auf der einen Seite mit europäischer Lebenskultur kokettieren, aber andererseits DAS Health-Food in Drive-In-Fast-Food-Ketten verkaufen.

Paradox und doch selbstverständlich werden hier Weltbilder zerrüttet, neu zusammengekleistert, um dann doch genau das Gegenteil zu machen. Also die Clogg entsichern und das böse Gesicht auflegen, sich von keiner einheimischen Minderheit verunsichern lassen - und rein in die Hauptstadt des Lone Star States.
Austin im März heißt - Eingeweihte wissen es - „South By South-West“ (SXSW), heißt Temperaturen um 80 Grad Fahrenheit, heißt Alternative Music bis zum Umfallen. Ähnlich wie zu Zeiten der „PopKomm“ in Köln bestimmt die Messe vier Tage lang das (vornehmlich nächtliche) Geschehen, es herrscht Ausnahmezustand. Annähernd 600 Bands spielten in diesem Jahr in einer kaum überschaubaren Anzahl von Clubs (eine genaue Liste gibt’s übrigens im Internet unter „GoSXSW@Compuserve.com“), die meisten von ihnen ohne Plattenvertrag oder gerade von einem amerikanischen Indie unter Vertrag genommen. Die Konkurrenz ist hier ebenso groß wie der Spaß, den alle Beteiligten an der Sache haben. Austin Anfang März - das ist ein riesiges Volksfest mit elektrisierender Beatmusik im Hintergrund. Neben längst etablierten Künstlern oder gar echten Ikonen wie IGGY POP oder GEORGE CLINTON sind die vielversprechendsten US-Newcomer (wie GOLDFINGER, SELF, WHISKEY TOWN) hier ebenso am Start wie der pure Underground (u. a. vertreten durch JESUS CHRIST SUPERFLY, AUSCHWITZ 46, TEEN ANGELS). Immer wieder finden auch deutsche Bands den weiten Weg nach Austin. In diesem Jahr wurden im Rahmen des „BMG ARIOLA“-Kulturaustausch-Programms RAUSCH, SELIG und INSTANT KARMA zu Auftritten und Feiern eingeflogen (siehe dokumentierendes Fotomaterial). Sowohl die gastfreundlichen Amerikaner als auch zahlreich anwesende deutsche Touristen oder Branchenvertreter ließen alle Auftritte zu Erfolgen werden, die die Messe um eine (internationale) Facette bereicherten.
Schnell das nächste „Shiner Bock“ (das einzig gute Bier in TX - mehr unter „http://www.shiner.com“) getrunken und weiter, denn die Nacht ist erstens jung und zweitens kurz, schon um 2 h ist Schichtende. Überhaupt sind die Regeln in den USA, insbesondere in Texas, seltsam: Man darf offene Bierdosen nicht auf der Straße spazierenführen, 17jährige Schönheiten dürfen nur als Striptänzerinnen in Bars arbeiten und Waffen nicht mit in die Kneipe genommen werden. Wer dann noch versteht, warum aus Hotelbars, in denen mutige Kettenraucher ihre letzte Bastion gegen das allgegenwärtige Rauchverbot finden, um Schlag 2 in der Früh alle Aschenbecher verbannt werden, der darf sich stolz den Lone Star auf den Oberarm tätowieren!
Doch wer will die Amerikaner verstehen? Und ich bin nicht in Texas, um Kritik am zweifelhaften System zu üben, sondern um zwischen Bier, Tortillas und Bar-B-Q frische Bands zu sehen, mir die Ohren vollärmen zu lassen. In der wohl coolsten Clubszene der Welt macht das schließlich mehr Laune als zu Hause. Während sich die Touristen mit Cowboyhut und Sonnenbrille in der legendären 6th Street amüsieren, tobt an gleicher Stelle das wohl beeindruckendste Live-Programm des Jahres. Eben gerade noch Outlaw-Country im „Lubock-Or-Leave“, jetzt Ska-Core im „Emo’s“ und später Rrrriot Grrrls (CANDY 500 & TEEN ANGELS!) in der „Electric Lounge“. In Austin, so meint man, schlägt der Puls der Pop- & Rockkultur während dieser Tage im März doppelt so schnell wie irgendwo sonst auf der Welt. Und wo sonst gerne in Szenen selektiert abgefeiert wird, grenzt sich hier keine Jugendbewegung aus. Bei GEORGE CLINTON tanzt der farbige Punk mit dem gepiercten Cowboy, der mexikanische Clan trinkt mit den europäischen Touristen Tequilla und alle gemeinsam haben mächtig Fun! Zwar nicht ganz so clean, wie es von der Ordnungsbehörde gesehen werden will, aber die ist im Zweifelsfall stärker, denn eines gilt immer: Don’t mess with Texas!



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aus Intro #34 (Mai 1996)
 
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