Rocknacht
»07.04.96«
Text: Autor unbekannt
Ich liebe Festivals, diese überzüchteten Mutanten aus Nudistencamp, Kirchentag und verkaufsoffenem Samstag, auf denen sich Zigtausende - je nach Witterungslage offensichtlich entweder mit Sonnenstich oder Wasserschaden im Kopf versehene - Jugendliche an und in den obskursten Bretterverschlägen ganz nach Dachschaden großflächige Krakeleien unter die Haut pulen lassen (gerne auch mit persönlichem Bezug: \"Guten Tag, könnten Sie mir die verspiegelte Pilotenbrille meines Ex-Freundes ins Gesicht tätowieren?\"), Ringe und Stecker durch alle möglichen und unmöglichen Stellen des Körpers treiben lassen (\"Bitte, ich brauche die Brille, mein Augapfelpiercing hat sich entzündet.\") oder im THC-, Kanister-Kakao-Korn- bzw.
Nun gibt es doch tatsächlich blitzgescheite, geschäftstüchtige Menschen, die sich denken, mit dieser Art organisiertem Wahnsinn müßte man doch auch das ganze Jahr über seine Bank glücklich machen können, und hastusnichgesehn wird das Spektakel in der Halle aufgezogen. Fehlt eigentlich nur noch, daß die Veranstaltung zeitgeistgerecht als der Welt größtes Indoor-Open-air angepriesen wird. Was passiert? Das gesamte hirnverdörrte Drumherum wird außen vor gelassen: keine Schlammschlachten, Strahlungsschäden und schon gar kein Branding, Amputating, Epidemieing, was auch immer, statt vegetarischer Mahlzeitenimitationen gibt es irgend etwas Fleischhaltiges, was sich allerdings nicht mal mehr die Mühe macht, auch nur annähernd eßbar aufzutreten, und mit den traditionellen Korn-Kakao-Kanistern wird man gar nicht erst hereingelassen. Immerhin kann man sein mühsam Erspartes in Klamotten investieren, wobei der Fachmann hier vergeblich nach überteuerten Motto-Hemdchen minderer Qualität sucht, ausschließlich belangloses Band-Merchandise wird angeboten, ... einzig allein unser Ramschblättchen hält versteckt in einem Seitengang die Flagge der textilen Debilität weiter hoch, \"Nimm mich\", heißt es da auf einer Leibchen-Edition, die eigentlich jedes Landei mit einem IQ unter Vadders zufriedenstellen dürfte. Alle anderen sind gezwungen, auf Alternative-Mega-Seller-Bekleidung auszuweichen, was sie auch fleißig tun.
Ergebnis: die mit dem aktuellen SONIC YOUTH-Artikel verunzierten Massen bringen den Herausgeber eines als Präsentator auftretenden Magazins an den Rand eines Tobsuchtanfalls, scheint hier doch ein ihm nicht bekannt gegebener Sponsor, noch dazu offensichtlich eine lokale Waschsalonkette, mehr Präsenz zeigen zu dürfen, als ihm das im Vorfeld zugestanden wurde. Unnötiger Ärger wäre problemlos zu vermeiden gewesen, hätte die Band - statt des an sich ja eigentlich eher semi-subversiven Waschautomatens - den Titel eines Steve Albini-Songs, der da \"Smells Like Kim Gordons Panties\" lautete, zum Motiv ihrer Merch-Range erkoren. Positiver Nebeneffekt: Die Fips Asmussen-infizierten Humor-Gipfelstürmer auf der Suche nach Schenkelklopfern Marke \"L.A. Riots - I’ve caused them\" oder \"Mein Freund ist Sauerländer\" wären’s vielleicht zufrieden gewesen, ... und damit ein nicht zu unterschätzendes Stück Open-air-Kultur in die Halle gerettet.
Im Großen und Ganzen komme ich allerdings nicht umhin, zu gestehen, daß zumindest die zahlenden Gäste sich alle Mühe geben, erwähnte Unzulänglichkeiten vergessen zu machen. Haut und Haar hat man, scheinbar informiert ob der Unmöglichkeit kosmetischer Folter vor Ort, bereits vorbeugend allen nur möglichen Ein- und Zugriffen ausgesetzt, die fehlende Energiezufuhr mittels wohldosierter Kakao-Korn-Schübe werden durch ein Gebräu ganz ähnlicher Konsistenz ersetzt, welches die Einheimischen hier statt Bier zu sich nehmen und von dem Tanja behauptet, es würde aus dem Inhalt jener Behälter fabriziert, die wir auf Parties immer unters Kölschfäßchen stellen, um Kippen und das, was der Wirt gewöhnlich als Schwund bezeichnet, aufzufangen, und deshalb völlig zu Recht Altbier genannt, dem Haschgift-Konsum wird hier genauso ungehemmt nachgegangen wie unter freiem Himmel und die angebotenen Möchtegern-Nahrungsmittel auf Toter-Tier-Basis scheinen als Bröckchen fürs Erbrochene genauso tauglich zu sein wie irgendwelche Brätlinge (übrigens ebenfalls ein Verstoß gegen die Genfer Konventionen, das Wort). Die Veranstalter wiederum scheinen sich gedacht zu haben, ein wenig Originalflair einfangen zu können, in dem sie genausoviel Bands spielen lassen, wie das auf einer zünftigen zweitägigen Umsonst-und-Draußen-Veranstaltung der Fall ist. Kostenpflichtig-und-Drinnen dauert allerdings nur einen Tag, es gibt nur eine Bühne und die Halle darf während des Spektakels nicht verlassen werden, weshalb sich natürlich alles, was der einen oder anderen Band lieber ausweichen möchte, im Foyer zusammenzwängt. Nicht nur, daß es deshalb (und weil es eine Sauarbeit ist, Heringe dazu zu zwingen, sich im Estrich Halt zu suchen) bereits ein Ding der Unmöglichkeit schien, mein Zelt dort auch nur aufzubauen, jeder noch so kurze Aufenthalt erwies sich als Tortur. Spätestens als der Bierkellner mich durch offensichtlich gezielten Ganzkörpereinatz aus den Armen einer der Lagerfeuerromantik meiner Liebeslaube erlegenen jungen Dame trennte, war meine gute Laune da, wo die Sonne nie scheint. Jeder Festivalveranstalter sollte wissen, daß Festivals ohne Camping ähnlich erquickend sind wie ein nächtlicher Aufenthalt im Düsseldorfer Hauptbahnhof oder auf der Toilette Al Jourgensens, ... ohne Heroin. Den Abbau meiner Liegestatt konnte ich mir schlußendlich allerdings schenken, das übernahmen die netten Herren vom Sicherheitsdienst, ... genau wie die Entfernung meiner Wenigkeit vom Gelände. Da half es weder, daß meine Freunde Chris & Carla - die ich übrigens beim Nacktwandern in Alaska kennengelernt habe - von den WALKABOUTS aus Solidarität ihren Set abbrachen, noch daß der nette Herr von CHUMBAWUMBA aus Protest völlig nackelich und nur mit meinem Namenszug geschmückt während des Auftritts der SMASHING PUMPKINS die Bühne enterte oder Billy Corgan androhte, sich eine Glatze zu schneiden, wenn man mich nicht wieder einließe. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ man sich den guten Mann seiner Haarpracht entledigen. Ich bitte deshalb zu entschuldigen, daß ich zum weiteren Verlauf des Abends nichts mehr sagen kann, möchte allerdings auf die detaillierte Würdigung dieses Abends in den Ausführungen des Kollegen Hartmann verweisen.
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