BEWERTEN
 

Zwielicht

»USA 1996«

[R: Gregory Hoblit; D: Richard Gere, Laura Linney]

Text: Autor unbekannt

Das Gerichtsdrama hat im amerikanischen Kino anscheinend inzwischen die Rolle übernommen, die einst der Western innehatte. Recht und Gesetz, Wahrheit und Lüge, Schuld und Sühne: Themen und Figurenkonstellationen sind klar und bekannt, der Reiz liegt im Spiel mit den Versatzstücken. In “Zwielicht” sind sich die Figuren sogar selbst darüber bewußt, daß sie nur ein Spiel spielen und mit Teilen der Wahrheit jonglieren. Der Staranwalt Martin Vail (Richard Gere) ist ein Meisterjongleur: Er weiß, daß es ohnehin keine endgültige Wahrheit hinter einem Fall zu entdecken gibt, nur viele Versionen derselben. Vails Mandanten können sicher sein, daß er stets die überzeugendste Version aus dem Hut zaubert.

Begleitet von einem Reporter, dem Vail ein “sound bite” nach dem anderen diktiert, stürzt er sich - nur so aus Spaß - in einen neuen Fall. Der Erzbischof von Chicago ist ermordet worden, der Meßdiener Aaron (Edward Norton), ein naiver Junge aus dem tiefsten Mittelwesten, der Hauptverdächtige. Auf der Bank des Staatsanwalts sitzt Vails Ex-Freundin Janet Venable (Laura Linney), die mal gelassen, mal genervt die Vorstellung Vails über sich ergehen läßt. Das Spiel kann beginnen.
Im folgenden fährt Regisseur Gregory Hoblit alles auf, was ein Gerichtsdrama an Korruption, sexuellem Mißbrauch und gespaltenen Persönlichkeiten so nötig hat. Sein starkes Schauspieler-Ensemble fängt dabei die teilweise ausgesprochen absurden Plotwendungen locker auf. Der Zuschauer wartet gespannt, wenn auch nicht gerade auf der Sitzkante zitternd, auf den unvermeidlichen und diesmal wirklich überraschenden Schlußgag, der das ganze Geschehen nachträglich in einem ganz anderen Licht erscheinen läßt. Schade eigentlich, daß es die Konventionen des Genres verlangen, dieses Überraschungsmoment erst in letzter Sekunde zu präsentieren (Wär ja sonst kein Schlußgag. Wer hätte das gedacht?), denn so hätte aus dem annehmbaren Thriller auch noch eine wirklich fiese Satire werden können.



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aus Intro #34 (Mai 1996)
 
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