BEWERTEN
 

Der Abend ist ein langer, ruhiger Fluß

»Crusade«

[16.02.96, Hamburg, St. Katharinen]

Text: Autor unbekannt

19.10 Uhr, der Verkehrsfunk rät eine Umgehung des Hamburger Innenstadtbereichs rund um die Hauptkirche St. Katharinen. Tausende von Menschen auf Parkplatzsuche vor einer Kirche, ein Andrang wie zuletzt höchstens an Weihnachten. Was war und, vor allem, was sollte geschehen?
Auf Initiative Pastor Wolfschütz’ von der Nordelbischen Kirche und Bernd Cunzes vom Club Unit in Hamburg dienten die 750 Jahre alten Gemäuer zum ersten Mal seit Menschengedenken der Durchführung einer „Techno-Veranstaltung“ (was es besser trifft als das handelsübliche Rave, welches zum Synonym einer Höher-schneller-lauter-Attitüde verkommen ist und „Crusade“ nicht annähernd zu beschreiben vermag).

Auf den Fahnen dieses Kreuzzugs standen nicht plakative Floskeln, sondern nur das bescheidene Anliegen, einen Schritt zur Annäherung zweier so verschiedener Welten zu betreiben. „Crusade“ fügte die Kulturen an ihren offensichtlichen Schnittstellen zusammen und geleitete so durch einen vielschichtigen Abend.
„Der Raum ist der Star des Abends“ war das Leitthema und oberste Richtschnur. Angefangen wurde mit bedächtigen Ambient-Tönen des Hamburgers SVEN DOHSE. Ihm oblag die schwierige Aufgabe, von der Empore herab den passenden Aperitif für die nun folgende mehrstündige Chill-in-Andacht zu reichen, die Leute auf einen so ganz anderen Level der Sinneswahrnehmung zu bringen, ohne zu langweilen. Die Konzentration lag voll auf dem Zusammenspiel von Untergrundrauschen, der imponierenden Mächtigkeit der Kirche und dezentem Licht. Bedächtiges Flanieren, Small-Talk und nahtlos glitt das STAR SOUNDS ORCHESTRA nach einer Weile ins Bewußtsein. Es brauchte eine Weile, zu begreifen, daß hiermit der zweite Akt angefangen hatte, der Weg zum aktiven Hören. Gong-Meditation, ein wirbelnder JENS ZYGA und ein angespannter STEVE SCHROYDER, Orient meets Okzident. Den Charakter der Musik beibehaltend, folgte ein kurzer Auftritt der Choralschola St. Nikolai aus Kiel. Gregorianische Gesänge, deren Ursprünge fast 1400 Jahre zurückliegen und die im Kontext der Veranstaltung ein ganz anderes Bild abgaben, schlugen die spirituelle Brücke zum Auftritt von COSMIC BABY.
Annähernd zwei Stunden Klang- und Lichtekstase, an deren Ende die Begeisterung auch ohne stumpfe Beats zum Leid der Ordner nur noch durch Tanzen zum Ausdruck gebracht werden konnte. Zu Melodien tanzen ist wie das Zukunft-Voraussagen aus Knochen, es benötigt eine Tiefe, die die oberflächlichen Sinneswahrnehmungen völlig außer Acht läßt. COSMIC BABYs Komposition für „Crusade“ spielte darauf ab und steigerte andererseits auch die Erwartungen für den Rest des Abends. So gesehen war auch das nochmalige Auftreten der Choralschola eine abrupte Unterbrechung, die die Masse in ihrem kollektiven Gemütszustand aus dem Konzept brachte, zumal die akustische Präsentation sehr dürftig ausfiel, im Vergleich zumindest. Diese Unruhe fing aber das PYRO SPACE BALLETT wieder auf, welches zum einen eine vieldeutige Performance darbot, andererseits aber auch Träger einer Musik war, die erneut der Feder COSMIC BABYs entsprang. Damit waren die Glieder der Kette wieder zusammengefügt, deren stärkstes Glied den Abend als Techno-Event beschließen sollte.
Obwohl man zwar eine sehr konsequente Steigerung in Lautstärke und Intensität verspüren konnte, dachte, auf alles vorbereitet zu sein, schaffte der Warm-up-DJ GERRET FRERICHS trotzdem das Ungeahnte. Berserkergleich hämmerte er sein Set durch, walzte sinnentleert durch die heiligen Hallen und zertrümmerte alle sanft aufgebauten Zusammenhänge des Abends. Gott sei Dank sozusagen rettete SVEN VÄTH schließlich aber doch noch den letzten Funken spiritueller Energie für sich und entfachte mit dem ihm eigenen Können das längste und fetteste Feuerwerk des Abends.
Hamburg war als Auftakt einer mehrmonatigen Reise durch zahlreiche deutsche Großstädte gedacht gewesen: Berlin, Frankfurt, Köln, Düsseldorf und München sollten folgen, die Termine und wechselnde Line-ups standen. An der Kritik und der Macht einiger weniger Kirchenoberen droht „Crusade“ nun insgesamt zu scheitern. Sowohl finanziell als auch ideell naht der Ruin, der positive Effekt der Veranstaltung sowohl für die Kirche als auch für die Techno-Kultur würde sich damit in vervielfachter Form plötzlich gegen sie wenden. Zum jetztigen Zeitpunkt ist „Crusade“ in München bereits über den Willen der betroffenen Gemeinde hinweg von höherer Stelle verboten worden. Wie soll das jemand verstehen können, für den der Raum Kirche und der damit verbundene Anstand im Rahmen von „Crusade“ das erste Mal seit langem ein gutes Bild abgab? Kehrtwendung: „Also doch hoffnungslos vergreistes, unverständiges Pack.“ Dieser Kreuzzug wurde schon im Anfangsstadium gestoppt. Vielleicht ist er einfach zu friedlich. Die Idee ist gut, aber die Kirche noch nicht bereit.



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aus Intro #33 (April 1996)
 
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