BEWERTEN
 

Boa

»Bielefeld, PC 69, 11.3.96«

Text: Autor unbekannt

Ich wähne mich sicher, der eine oder andere Leser würde dem Leben gänzlich neue Seiten abgewinnen, könne er Kurt - den türkischen Nachbarn meines Chefs - zu seinen Bekannten zählen. Kurt ist Anatolier mit Herz und Seele und als solcher ein Ausbund salomonischer Weisheit, weshalb er sich auch Kurt und nicht Philipp nennt ..., wie dieser Ulrich aus Dortmund, der dieser Tage mit einem grotesken Bastard aus Mucker-Zirkus und Schweinewave-Revue unterwegs ist.
Kurt ist, wenn auch Zyniker, ein durch und durch lebensbejahender Mensch. Wenn er nachts um drei das Haus zusammentrommelt, um Zutritt zu erhalten, führt er immer eine Weinflasche und etwas Haschisch mit sich.

Hat er die erst mal intus, tanzt er wie ein junger Gott. Da rollt der Bauch, da schwingt die Hüfte, ... als hätte er am ganzen Körper Kugellager statt Gelenke. Mit diesem Bild vor Augen am nächsten Tag ein BOA-Konzert besuchen, ist, als würde man aus einer Ballettschule auf einen Exerzierplatz hospitalistischer Robotor treten, gegen uns Philipp ist sogar GRÖNEMEYER eine Primaballerina. Wenn der irgendwo Kugellager hat, dann da, wo bei anderen Menschen die Stimmbänder liegen. In Sachen Grobmotorik ist er ganz klar reif fürs \"Guinness Buch der Rekorde\", selbst als Luftgitarrist hatte der fünfzigjährige Althippie, der bei uns im Jugendzentrum den Sozialarbeiter mimte, mehr Sex als der Mann, den irgendwelche Presseinfo-Verbrecher mal als den deutschen \"PRINCE\" bezeichneten, was für sich genommen schon ein Paradoxum ist. Da könnte man \"En Vogue\" auch als die amerikanischen JAKOB SISTERS verunglimpfen. Möge his purple majesty nie etwas davon erfahren, auf das nichts das junge Glück des frisch Vermählten trübe. Die Maite, die ja seine Frau ist und früher mal in Frankfurt gelebt hat (sagt zumindest Tanja, die über so was immer ganz gut informiert ist), hat vorher bei ihm in der Band getanzt, wie die Pia, die nämlich die Frau von Philipp ist und bei ihm (nicht bei TAFCP [The Artist Former Called Prince], sondern bei TAFCTGP [The Artist Former Called The German Prince]) auf der Bühne den Kasper macht. Im Gegensatz zu Philipp hat Pia nicht in der Kehle (da hat sie eine Trillerpfeife), sondern zumindest an den Schultergelenken Kugellager, was ihr erlaubt, ganz herzallerliebst ihre Ärmchen zu schaukeln ..., das sieht zwar nicht sexy, aber immerhin mitleiderregend aus und geschieht im Unterschied zu den Bewegungen des ihr angetrauten musikalischen Freigeistes auch im Takt zur Musik. Was sie wiederum mit Dolly Buster gemeinsam hat, ... im Rhythmus Mitleid zu erregen, meine ich. Eine Showgröße übrigens, mit der sie ansonsten so gut wie keine oder, wenn überhaupt, ausschließlich eher nebensächliche Ähnlichkeiten wie Haarfarbe, modische Vorlieben oder die Stimme besitzt ..., wobei sich Dolly letztere ja für ihre Arbeit - genau wie die Brüste - hat synchronisieren lassen, oder wie das heißt. Pia dagegen definitiv nicht, .. die Stimme meine ich natürlich, weshalb sie nicht nur aussieht, sondern auch klingt wie eine Astrid Lindgren-Figur, ... oder Tiffy aus der Sesamstraße. Macht nix, ihr Ehemann tanzt und klingt ja auch wie Samson, da hat der Herrgott offensichtlich wieder einmal zusammengefügt, was zusammengehört. Jetzt wird Tanja wieder behaupten, ich wäre gehässig und frauenfeindlich und ich sollte mir doch erst mal an die eigene Nase fassen, statt sich bei mir zu bedanken, daß ich sie nicht jeden Abend auf die Bühne schleppe, um entweder blödsinnig um mich herum zu scharwenzeln oder wie bestellt und nicht abgeholt hinter einem funktionsuntüchtigen Keyboard zu stehen. So was mach’ ich nicht, da bin ich konsequent. Ich käm doch auch nie auf die Idee, während unseres Doppelkopf-Abends die Dame des Hauses vor den nicht angeschlossenen Herd zu stellen, geschweige denn, sie die ganze Zeit um uns herumwuseln zu lassen. Was sollten denn meine Kumpels dazu sagen. Da müßte ich mich ja in Grund und Boden schämen. Aber so was wie Scham kennt Ulrich aus Dortmund offensichtlich nicht, ansonsten würde er bei seinen Auftritten brav seine Arme bei sich behalten und sich tunlichst nicht bewegen. Statt dessen dirigiert er seine Musiker wie ein Schülerlotse auf Ecstasy vor seiner Mittachtziger-Theaterlicht-Kulisse herum, um mit ihnen allerlei \"neue\" und \"abgedrehte\" Avantgardistereien wie eklige Dickdaumen-Bass-Soli in bester LEVEL 42-Manier auszutesten. Dazu gehört es offensichtlich auch, einen armen gescheiterten Schweinerock-Gitarristen, dessen Unterschenkel noch von seiner tiefergelegten Les Paul verschorft sind, zu zwingen, sein Instrument unter den Arm zu klemmen und es wie weiland HUBERT KAH zu bearbeiten, ... der im übrigen - geht man mal von dem Deutschrock-Reggae, den der Wahlmalteser versucht, dem gemeinhin recht unkritischen Fan als Dub zu verkaufen, aus - eine ganz ähnliche Auffassung von Avantgarde zu vertreten schien. Der BOA-Fan allerdings verkraftet nicht nur alles, der liebt auch alles, was Zappelphilipp tut, solange er im Laufe des Konzerts alte Schwarten wie \"Container Love\" oder \"Michael\" vorgesetzt bekommt und anschließend kräftig \"Arschloch, Arschloch\" rufen darf.
Der Maestro selbst dagegen tut sich schwer damit, einen zufriedenen Eindruck zu vermitteln, geschweige denn, sich so etwas wie ein Lächeln abzuringen. Da macht es sich jemand nicht einfach mit sich und der Welt, soll uns das wahrscheinlich denken und Namen wie Sartre oder Vian in den Hirnwindungen aufblitzen lassen und so ein wenig Verständnis für den weintrinkenden Inselphilosophen provozieren, der er so gerne wäre, ... wie Kurt, der sich, wenn er sich zu \"Semi Sevyorum, Var Me Diyegil\" ausreichend die Lunge aus dem Leib gesungen und die Hüfte ausgekugelt hat - nicht ohne mal eben via Lautstärkeregler die Anlage über den Jordan geschickt zu haben -, mit vollem Glas und in Erwartung einer weiteren Flasche zufrieden in die Sicherheit und Abgeschiedenheit seiner eigenen Wohnung zurückzieht. Darauf ein Prosit,



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aus Intro #33 (April 1996)
 
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