BEWERTEN
 

Starke Musik aus der Kammer

»Tim Berne "Bloodcount"«

[29.02.1996; Krefeld, Kufa]

Text: Autor unbekannt

Gegen acht Uhr sah das Innere der Kufa noch so aus, als würde das Konzert wegen Erkrankung der Akteure ausfallen. Dann aber kamen die verwegenen Fans, immerhin gut 60 Leute, um im kleinen, intimen Saal einem Jazzkammerorchester der Spitzenklasse zuzuhören. TIM BERNE, sax, stellte seine Kol­legen vor: CHRIS SPEED, sax, cl; JIM BLACK, dr, perc; MI­CHAEL FORMANEK, b. SPEED und BLACK, ein stehender und ein sitzender Meter, erweckten zunächst, wegen dieser Größen­verhältnisse, den Eindruck, als gehörten sie gar nicht dazu. Weit, weit daneben vermutet. In der Winzigkeit der Körper steckte die agile Mobilität eingefleischter Könner. Und MICHAEL FORMANEK schwitzte über dem mächtigen Kontra­baß, den er zupfte und streichelte, klöppelte und hämmerte.
Das erste Stück dauerte ca.

25 Minuten. In dieser Zeit hatte das Publikum Gelegenheit, die Musiker und ihre Musik kennenzulernen. Hier hinein fiel das erste Solo des Schlagzeugers JIM BLACK, in dem er die Strukturen des Stücks fortführte, ohne in ein davon fern liegendes Gekloppe zu verfallen. Im nächsten, über vierzig Minuten dauernden Stück beeindruckte vor allem der Dialog zwischen SPEED und BLACK. Der clusterartige Mittelteil gab einen Eindruck von der spielerischen Dichte des Quartetts. TIM BERNES grandio­ses Saxophonsolo war ein Monolog, der die unendliche Jazz­geschichte an ihre Wurzeln begleitete. Pause, und danach noch einmal drei Stücke, die die Eigenheiten der beiden Sa­xophone zeigten: Harmonien ohne Anspruch auf Vollständig­keit, BERNE und SPEED plötzlich im Gleichklang, bis das Schlagzeug, vordergründig rhythmisch, die angebliche Harmo­nie wieder auflöste. JIM BLACK spielte virtuos mit den Sticks, mit Besen, Händen und der Bühnenverkleidung. Den Abschluß bildete ein flottes, sehr rhythmisches, von allen vier Musikern gleichberechtigt getragenes, \"zusammengespieltes\" Stück voller Dynamik und Gleichklang. Die enorme Kraftanstrengung, die das Spielen dieser Impro­visationsvielfalt erforderte, merkte man den Musikanten kaum an. TIM BERNES \"BLOODCOUNT\" - ein herausragendes Kon­zert in der Kufa-Reihe \"Jazz Adventures 96\".



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aus Intro #33 (April 1996)
 
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