BEWERTEN
 

Killing Joke

»Democracy«

[Big Life / RTD / VÖ: 13.06.2005 ]

Text: Autor unbekannt

Jaz Coleman ist sicher einer der größten Exzentriker, die das Musikbusiness je hervorgebracht hat, vielleicht liegt aber gerade da der Schlüssel zu dem sich immer weiterentwickelnden Genie, an dem sich die Musikwelt von METALLICA bis SOUNDGARDEN reibt. Seit den frühen Achtzigern zeigte er uns die verschiedensten Facetten: Coleman der Punker, der Popper, der Symphoniker oder der abgedrehte Freak. Immer wieder von neuem gewöhnungsbedürftig, fast immer aber seiner Zeit voraus. Vergessen darf man aber keinesfalls Youth und Geordie, deren Beitrag auch nicht unerheblich war, ohne ihr Zutun würde KILLING JOKE wahrscheinlich nicht funktionieren. Das ‘94er Prä-Reunion-Album „Pandemonium' war eine Art Aufstieg des Phönix’ aus der Asche, ein Handstreich, der unübertreffbar schien.

Eben dieses aber ist dem Trio gelungen: Was sich auf „Pandemonium' andeutete, wurde nun gänzlich in die Tat umgesetzt. „Democracy' klingt für mich wie der logische Nachfolger von „Night Time', der bereits vor zehn Jahren hätte erscheinen können. „Pandemonium' als der geniale Wegbereiter auf dem Weg „back to the roots'. Auch wenn sich die Band rückwärts orientiert, so ist das neue Album alles andere als unzeitgemäß. Die guten Dinge des Lebens wie auch der Musik kommen irgendwann zurück, selbst wenn man sie verloren glaubt. Coleman & Co. geben sich auf „Democracy' sehr zugänglich, ja fast hymnisch. Der Gesang bewegt sich immer weit über den Instrumenten und kommt somit herrvoragend zur Geltung. Erfrischend oft werden akustische Gitarren eingesetzt, die ihre Wirkung nicht verfehlen, denn sie bereichern den typischen Sound um eine weitere Facette. Insgesamt sorgt „Democracy' für eine Menge Kribbeln unter der Haut, und das ist das beste Zeichen, daß bei dieser Scheibe alles stimmt. -Christian Schlage

Und jedes Lied ‘ne Single. Klare Strukturen, blow your mind, listen to your heart. In diesem Fall eigentlich keine gute Idee, will man sich unnötige Schwermut ersparen. Der Hang zum Düsteren bis Morbiden ist das, was KILLING JOKE auszeichnet. Jede Hookline, jede Melodie ein kleiner Tod. Oder zumindest ein Vorgeschmack darauf: Verlassensein und all so’n Scheiß, Einsamkeit der Großstadt, Herzensbruch unter der Discokugel. Eine aparte Ästhetik. KILLING JOKE melden sich direkt zurück aus den Achtzigern, die offenbar so recht noch kein Ende gefunden haben für Jaz Coleman. Immerhin besitzt man ein wieder modern gewordenes Gewand aus dem Stoff, aus dem schon Spector Wände wob. Zudem ist die Einspielung musikalisch solide, die moods sind sauber in bits überführt worden. Das geht also schon mal komplett klar. Zu dumm nur, daß der Fernseher lief, als der Text zur Single „Democracy' geschrieben wurde. Logo, der Parlamentarismus macht gerade schlapp, Schuld daran sind gewohnheitsmäßig die Lobbyisten, Politik als Big Business, wo bleibt da der Bürger, her mit dem Volksentscheid, der kleine Mann darf das alles bezahlen, und zwar auf der Straße, das ist übrigens genau dort, wo Dandymusik wie die von KILLING JOKE weder etwas verloren noch ihre Ursprünge hat. Die Bezichtigung der Banalität läuft beim Popformat naturgemäß ins Leere. Wie wäre es statt dessen mit Spießbürgerlichkeit? Wo, bitte, bleibt der Genuß des anything goes, nun, nachdem alle Werte nicht sehr beklagenswerterweise versagt haben, hm? Postmoderne! Zynismus! Angesichts des fin de siècle! Das wär’n Ding, das KILLING JOKE durchaus zuzutrauen gewesen wäre. Schade. Boris Fust



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