BEWERTEN
 

The Ardman Collection II

»GB 1987-1995«

[R: Sam Fell, Boris Kossmehl, Peter Lord, Nick Park, David Sproxton]

Text: Autor unbekannt

Nick Park ist ein guter Mensch. Seit Jahren erfreut er die Zuschauer des britischen Fernsehens mit wundervollen kleinen Geschichten. Wenn schließlich genügend Material für eine abendfüllende Werkschau zusammengekommen ist, dürfen auch wir Kontinentaleuropäer an seinen Kleinodien teilhaben. Und natürlich an denen der umtriebigen Mitstreiter in den Aardman Studios. Inhaltlich im Mittelpunkt steht auch diesmal das neue Abenteuer der Lieblingsfiguren Parks: „Wallace & Gromit unter Schafen“. Allein die Handlung dieses Comedy-Thrillers genügte schon für das Prädikat „sehenswert“. Doch der Kampf unserer Helden gegen den gerissenen Bösewicht Preston schafft nur den Rahmen für eine Fülle skurriler Situationskomik, seltsamer Maschinen und gnadenloser Zitate.
Kurz zum Plot: Preston, an einen stiernackigen Kleinkriminellen gemahnender Hund der örtlichen Wollhändlerin, raubt mit deren unwilliger Mithilfe nachts Schafherden, um seine Opfer in Hundefutter zu verwandeln.

Von einem geflohenen Schaf auf Prestons Spur gebracht, läuft Gromit dem Schurken in eine Falle und wird selbst zum Angeklagten. Doch erlösen ihn seine Freunde aus lebenslanger Haft und machen sich an die Verfolgung des lastwagenfahrenden Kriminellen - bis zum Showdown in Prestons Hundefutterfabrik.
Aber das Wesentliche ist, wie das alles geschieht. Wallaces Ingenieurskunst beweist sich in den verschiedensten Maschinen, jedoch zeigt jede einzelne davon Fehlfunktionen. Die Knit-O-Matic (waschen, scheren, spinnen und stricken in einem) zum Beispiel soll das entkommene Schaf eigentlich nur von den schmutzigen Spuren einer Wohnungszerstörung reinigen, verwandelt jedoch sein Fell in einen Pullover und sorgt für die Namensgebung: Shaun (wirkt natürlich nur im Englischen). Prestons Nachbau dieser Maschine enthüllt dessen wahre Identität: ein Cyberhund, direkt aus „Terminator II“ entsprungen. Andere Griffe in die Zitatenkiste erfolgen subtiler. Die Konstruktion des von Gromit benutzten Motorradbeiwagens kann eigentlich nur in der Werkstatt des Bond-Ausrüsters Q erfolgt sein. Bei Gromits Auftritt als unerschrockener Flieger ist das Zitat dann sogar nur noch akustisch. Das für den Film engagierte Orchester spielt Themen im Stil der „Battle of Britain“-Streifen, die in den 50er Jahren die Taten der Jagdflieger ihrer Majestät heroisierten.
Nun soll hier aber nicht der Eindruck entstehen, daß die übrigen Filme dieser Compilation nur Beiwerk sind. Die erste Geschichte ist eine unglaublich süße Variation des „die Zwillingssöhne des Hofes werden durch Entführung getrennt und treffen sich später wieder“-Themas. Der verlorene Sohn wird von einem Schwein aufgezogen und fristet sein Dasein als vom König ausgepreßter Bauer, bis er zur Rettung seines Erziehers die Burg des Königs aufsuchen muß. Auch hier natürlich viel Platz für merkwürdige Situationen ... Außerdem gibt es eine neue Auflage der „Creature Comforts“, diesmal als Familien, die für die Verschwendung elektrischer Energie Werbung machen. Eine inhaltlich fragwürdige Auftragsarbeit der britischen Energieversorger, dennoch sehr lustig. Der Höhepunkt des Rahmenprogramms ist in meinen Augen allerdings „Not without my Handbag“. In einem Universum, das unschwer als von Dali inspiriertes zu erkennen ist, verliert eine ältere Dame Leben und Seele, da sie mit den Raten für ihre aus der Hölle gelieferten Waschmaschine im Verzug ist. Doch als der Teufel (mit französischem Akzent) sie holt, bleibt die Handtasche vergessen und erzwingt die Rückkehr der Tante als Zombie. Nachdem der ihr nachstellende Repräsentant der Lieferfirma endlich mit Hilfe der kleinen Nichte und einer von Monty Python gestohlenen Pointe besiegt ist, hinterläßt die Tante den eigentlich wesentlichen Satz dieser Werkschau: „Hüte dich vor billigen Imitationen!“



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aus Intro #33 (April 1996)
 
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