BEWERTEN
 

Dub-Belle Bass

»The Dub-Joint«

Text: Autor unbekannt

Boom shakalak, Freunde der vibrierenden Kniescheiben ..., diesmal gab es soviel Veröffentlichungen, daß ich sie an dieser Stelle unmöglich alle besprechen, bzw. nicht so intensiv auf sie eingehen kann, wie sie es eigentlich verdient hätten. Deshalb hier noch ein Hinweis auf die Rezensionen der neuen Alben von THE VISION, der KASTRIERTEn PHILOSOPHEN (an deren CD die Hannoveraner maßgeblich beteiligt wahren) und - was lange währt, wird endlich gut - des DUB SYNDICATE an anderer Stelle. Beginnen wir mit den Compilations, von denen in letzter Zeit beinahe täglich neue erscheinen, weshalb - obwohl nahezu ausschließlich feinster Stoff geboten wird - immer häufiger Überschneidungen bei der Track-Auswahl auftreten.

Absolute Spitzenreiter in Sachen Compilation-Plazierungen sind eindeutig THE DISCIPLES, die scheinbar auf keinem neuen Release fehlen dürfen. Auch nicht auf 'Lead With The Bass II' (Universal Egg / EFA), wo sie mit 'Dub Revolution' und einer bisher unveröffentlichten Version des Tracks, deren Sub-Bässe alles bisher Dagewesene wegblasen, vertreten sind. Tip: Mund auf, Ohren auf, Nüstern freimachen und einmal so richtig das Hirn durchpusten lassen. Befreit ungemein. Allein diese die Bauchdecke durch den Rücken drückenden 4:25 min sind den Kauf der Scheibe wert. Dazu gibt es noch eine ganze Reihe Classic-Cuts von Soundsystems wie IRRITATION STEPPERS oder TASSILI PLAYERS, jeweils plus Version, und mit Bristols ARMIGIDEON SOUNDS eine Neuentdeckung, die man eigentlich nicht versäumen sollte. Nach demselben Prinzip (Original-Track + Version) aufgebaut ist das Album 'Who Gave The Permission' (RIZ / Indigo) der RIZ ALLSTARS (hinter denen eigentlich die „RIZ'-Labelmacher Gil Cang und Nick Manasseh stecken), nur daß hier die Version immer die gedubbte Variante eines Roots-Vocal-Trax’ ist. In Kürze sollen dann auch Solowerke von „RIZ'-Künstlern wie ISHU oder ADMIRAL TIBET hierzulande über 'EFA' vertrieben werden, man darf gespannt sein. 'All The World In An Egg' (Universal Egg / EFA) featured das komplette 'Universal Egg'-Artist-Rosterist, eine sehr schöne Niedrig-Preis-Compilation, weshalb die vertretenen Künstler bis auf wenige Ausnahmen dieselben wie auf 'Lead With The Bass II' sind. Interessant vor allem EXTREMADURA, Musiker aus Pakistan, Marokko, Irland und den Vereinigten Staaten, die ihre unterschiedlichen Einflüsse zu einer abgehobenen Mixtur aus Ambient, Dub und Ethno verweben, ohne dabei in Worldmusic-Folkloristik zu verfallen, und SOUNDS FROM THE GROUND, die mit ihrer musikalischen Landschaftsmalerei allerdings definitiv Ambient sind. Eine der erfolgreichsten Dub-Compilations dürfte hierzulande wohl 'Dubhead' gewesen sein, deren 'Volume Two' (NTT / IRS) Teil 1 in nichts nachsteht. Wieder dabei THE DISCIPLES sowie POWER STEPPERS, TASSILI PLAYERS und IRRITATION STEPPERS (im Krieg mit D. ROOTICAL), allerdings auch allesamt schon auf den beiden 'Universal Egg'-Samplern, außerdem BUSH CHEMISTS (ebenso auf 'All The World ...') und die bereits erwähnten ARMAGIDEON, die hier, genauso wie PRINCE GREEN und FISH & GOAT AT THE CONTROLS (die werden phett!), für das bereits mit 'Vol. 1' gegebene Versprechen stehen, neben großen Namen auch immer interessante Newcomer vorzustellen, ... und von denen gibt es auf 'Vol. 2' wieder reichlich. Neues auch aus dem Hause 'Incoming': Für 'Rewound & Rerubbed' (Incoming / Indigo) haben sich Künstler wie Crooklyn-Gott SPECTRE, ROCKERS HI-FI, DROME und der Londoner Soundsystem-Operator NICK MANASSEH am Material des 'Wickedness Increased'-Albums von UNITONE HIFI vergangen. Absolute Highlights: SPECTREs düsterer 'Seven Deadly Sins Remix' des Titeltracks, den er kurzerhand mit einem HipHop-Beat unterlegt hat, und der zynisch-stoische ROCKERS HI-FI-Mix von 'Lucky Strike'. Zu guter Letzt ein echtes Schmuckstück: 'Heavyweight Sound' (Blood And Fire / Indigo) ist eine aufschlußreiche Reise durch das Programm des Re-Release-Labels 'Blood & Fire' - auch für die Wiederveröffentlichung des göttlichen 'Heart Of THE CONGOS'-Albums verantwortlich - und steht ausschließlich für alte Jamaika-Schule von KING TUBBY über KEITH HUDSON bis HORACE ANDY und BURNING SPEAR. Für mich eine absolute Offenbarung: die beiden Dub-Versions von PRINCE PHILLIP & THE MUSICAL INTIMIDATORS. Womit wir endlich die Sampler hinter uns gebracht hätten und uns Platten wie 'Dub Outernational' von den BUSH CHEMISTS (Roir / Semaphor), einer offensichtlich in Zusammenarbeit mit der 'Wordsound'-Crew (Linernotes von S. H. Fernando Jr. aka SPECTRE, Rootscontrol by SKIZ) für den amerikanischen Markt bestimmten Produktion, zuwenden können. 'Dub Outernational' ist geprägt von conciousness und glaslarer, radikal in die Gegenwart umgesetzter Roots-Orientiertheit und bestätigt einmal mehr, daß die CHEMISTS mittlerweile zu den innovativsten Vertretern der U.K-New School gehören. Eine der ungewöhnlichsten Veröffentlichungen dieses Monats dürfte 'Secret Dub Life' von den FLYING LIZARDS (PIANO / EFA), die 1977 in England sogar mal einen Top-Ten-Hit hatten, sein. Das Album, irgendwann in den späten Siebzigern auf Jamaika von Jah LLoyd produziert, fasziniert durch ein zwar gewöhnungsbedürftiges, aber durchaus reizvolles Klangbild, das stellenweise vermuten läßt, hier hätten sich KLAUS SCHULZE und PETER TOSH ein Stelldichein gegeben. Ebenfalls ziemlich durchgeheizt, mir aber definitiv zu angestrengt und überladen, ist 'The Making Of Rakija' von BADPHISH (Moloko Plus / EFA), ehemals HERBST IN PEKING. Das kommt mir zu wenig aus dem Bauch heraus, kann sein, daß da die Vergangenheit noch durchklingt, jedenfalls kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, hier versucht immer noch jemand auf Teufel komm raus avantgardistisch zu sein. Großartig dicht und atmosphärisch ist dagegen das Debüt-Album von SUB DUB (Ambient / RTD). Durch massiven und gerne auch betont monotonen (Live-)Bass- und Percussion-Einsatz unter dezent eigesetzten Sprachsamples, Synthie-Soundskills und dem „4AD'esken Gesang Ursula Wards werden für einen Act, der optisch als fast klassisches Soundsystem in Erscheinung tritt, völlig neue Klangräume geöffnet. DIGITAL K, ein Neffe KING TUBBYs und Produzent einer Kabel-TV-Reggae-Show in Palm Beach/Florida, versucht seinem Onkel mit 'King Tubby's In The House' (Roir / Semaphor) eine späte Referenz zu erweisen. Das, was DIGITAL K 'a new generation of dub' nennt, pendelt allerdings krass zwischen einem erbärmlich gesichtslosen Stilpotpourri aus Möchtegernhouse, Pseudo-Acid-Jazz, asthmatischen Breakbeats usw. und schon fast genialistischen Einfällen wie den geloopten Dixie-Bläsern in 'Dancehall Jazz Dub'. Im großen und ganzen überwiegt allerdings der Eindruck billiger Orientierungslosigkeit. Absolut großartig dagegen sind die beiden folgenden Re-Releases, mit denen ich mich dann auch verabschieden möchte: 'The Way To Mt. Zion' (Roir / Semaphore) - eine Zusammenstellung zwischen ‘69 und ‘76 enstandener Stücke GLEN BROWNs, allesamt in TUBBYs Studio, unter anderem von KING TUBBY selbst gemixt - ist allein schon wegen des Harmonica-Dubs BLACK SHADEs eine meiner momentanen Lieblingscheiben, die andere kommt wieder mal von 'Pressure Sounds', was man ohnehin mittlerweile mit 'grundsätzlich essentiell' übersetzen kann, und ist ein Meilenstein der alten UK-Schule: PRINCE FAR Is Album 'Cry Tuff Dub Encounter', als frühestes Dokument der Zusammenarbeit zwischen PRINCE FAR I und ADRIAN SHERWOOD ein für an der Geschichte des britischen Dub Interessierte historisches Dokument. Allerdings keineswegs tot, sondern durch FAR Is unvergleichliche Chants und die wegweisenden super-experimentellen Sounds heute lebendiger denn je.



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aus Intro #33 (April 1996)
 
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