BEWERTEN
 

Rachel´s

»Music For Egon Schiele«

[Quarterstick Records / EFA / VÖ: 02.05.2005 ]

Text: Autor unbekannt

Durch eine Ausstellung des österreichischen Malers Egon Schiele (1890-1918) zu gehen, weckt auf keinen Fall Lebenslust. Neben kargen Landschaften, statischen Fassaden, mit sparsamen Strichen erstellt, finden wir abgemagerte Leiber, filigrane Gliedmaßen und über allem Zerbrechlichkeit in jeder der zumeist vordergründigen Kohlezeichnungen. Schiele suchte in seinen Bildern nach einer wahren Darstellung des Selbst, häufig stoßen den Betrachter jedoch sehr explizite Akte vor den Kopf, Schambehaarung ist dabei oft der einzige Fokus des Bildes. Körperlichkeit als Makel, alle Leiber Schieles atmen den Tod, selbst nackte Säuglinge wirken, obwohl in Bewegung, leblos.

Egon Schiele waren die Konventionen der Kunstakademie immer verhaßt, was ihn dazu bewegte, diese mit 19 Jahren, nach dreijährigen Professorenanfeindungen, zu verlassen. So erfolgreich er auch weiterhin seinen Weg ging, auf dem ihn sein langjähriger Freund Gustav Klimt begleitete, hatte er immer mit einem konservativen Umfeld zu kämpfen, schockierte sein Werk doch zumeist das bürgerliche wienerische Publikum oder die Nachbarschaft des Vorortes Neulengbach, in dem er zudem mit Wally Neuzil, seinem Modell, in einer nicht-ehelichen Beziehung lebte. In der Eintracht mit seiner Muse trieb Schiele sein Werk formal zum Extrem und feierte Erfolge im Ausland, wohingegen sein Verhältnis zu den Menschen in seiner Umgebung von Skandalen (Vorwurf der Kindesmißhandlung, Präsentation von Pornografie vor Minderjährigen) getrübt war. Die (Schein-)Ehe mit Edith Harms, einer Nachbarin, endete mit ihrem und Egons Tod in der Grippeepidemie von 1918. Die Musik dieses Albums findet ihren Ursprung in einem Tanztheaterstück zu Schieles Leben. Nichtsdestotrotz wurden die Stücke zu Bildern komponiert, der Klang wurde gemalt. Die enge Anbindung an die Gemälde verleiht der Musik eine unglaublich lebendige visuelle Kraft, die wiederum Bilder in Bewegung bringt, so daß Schiele in seinen Selbstportraits, derer er unzählige malte, nicht verharrt, sondern im nächsten Moment auf ein neues Ereignis in seinem Leben zugeht, das er dann im nächsten Stück erreicht. So erstehen neben den Bildern Situationen wie Egons erste Jahre mit der ihm nahestehenden Schwester Gertie, das Treffen von Wally, Egon und Edith oder der Abschied Egons von Wally. Über allem schwebt Melancholie, zum Heulen ist dem, der den Hintergrund kennt und nachzufühlen versucht. Selten war mir die Geschichte zur Platte so wichtig. Ich möchte fast unterstellen, daß der Gehalt dieses Albums nur mit der entsprechenden Information erfaßbar ist. Nicht umsonst findet man eine Kurzbiografie Schieles im Booklet. Die Kompositionen, gespielt von Piano, Viola und Cello, finden eine minimalistische Basis, von der aus Melodiebögen ihre Traurigkeit entfalten. Melancholie in Repetation, ob das dem einen zu langweilig ist, mag ich nicht beurteilen, den anderen wird dieses (Poesie-)Album auf jeden Fall begeistern. Nicht lose und verspielt, von einem zum anderen Stück die Stimmung verwerfend, klingen RACHEL'S immer authentisch dem Thema verhaftet und lassen sich zudem nicht dazu hinreißen, den Ausklang des Werkes, das Lebensende Schieles, mit einem positivistischen Schlenker doch noch zu beschönigen. Am Anfang wie am Ende steht ein Familienportrait, wahrscheinlich voll von hohlen Blicken und mageren Gesichtern.



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