BEWERTEN
 

novelty waves

»Homelistening Soundscapes«

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Text: Autor unbekannt

In der letzten Ausgabe unternahm ich erstmals den gewagten Versuch, unter dem (scheinbar längst nicht mehr) unverbindlichen Nenner 'Ambient' gerade nicht kategorisierbare Musik in einer Kolumne zusammenzufassen. Die große Resonanz auf dieses schwierige Unterfangen verleitet mich zu einem neuen Versuch, an dem sich jeder, der sich aufgerufen fühlt, natürlich gerne mit Tips & Hinweisen sowie Verbesserungsvorschlägen beteiligen kann. Getreu der Devise 'Alter vor Schönheit' beginne ich mit dem klangvoll 'Desideratum' betitelten zweiten (Doppel-)Album von SYNAESTHESIA (Zoth Onmog / Semaphore), einem von offensichtlich zu vielen Projekten der kanadischen EBM-Ikonen Rhys Fulber und Bill Leeb.

Düster-sphärische Synths gleiten recht uninspiriert dahin, nur selten begeistern ein Thema, eine Sequence oder (so vorhanden) ein Beat. Im Albumverlauf zwar deutlich interessanter werdend und Soundtrack-Charakter erreichend, fehlt trotz aller dunkler Visionen letztendlich die nötige Spannung und Sphäre. Sollte man vielleicht nur nachts in gruselig anmutender Umgebung per Kopfhörer 'konsumieren' ...?! 'Dark Ambient' meint das Presseinfo über das zweite Album von SOUL WHIRLING SOMEWHERE (Hyperium / RTD), dabei ist 'Everyone Will Eventually Leave You' - trotz aller bereits im Titel manifestierten thematischen Tragik - ein wunderschön kitschiges, melancholisches und zerbrechliches Werk der rührenden Stille geworden, das trauert und tröstet. Halbakustisch und mit grazilem Gesang liefert es (so man sich darauf einläßt) die optimale Musik für losgelösten Weltschmerz an grauen Tagen. Unbedingt alleine hören! Ist später wieder die Lust auf Nahrhaftes, aber auch schwerer Verdauliches gekommen, könnten DROME (aka Mastermind Bernd Friedmann) eine willkommene Herausforderung (letzteres bitte unterstreichen!) darstellen. 'Dromed' (P.I.A.S. / RTD) erscheint zwar sehr authentisch, ist aber nie klar zu orten, klingt mal sphärisch losgelöst und beinahe unbeirrt, dann wiederum verwirrend verschachtelt und kompliziert, jedoch immer akribisch detailliert. 'Dromed' liefert eine 'vom Klang erfundene Erzählung' oder visionäre Reise durch mannigfaltige Sphären, nur eine entsprechende Abenteuerlust sollte vorhanden sein! 'Homelistening Is Killing Clubs' stellt WOLFRAM SRYRA (Wigwam) auf seinem ersten Album fest und beschert mir gleichzeitig für einen Moment die Überlegung, daß mit dem Support für diese Musik natürlich auch ein Beitrag dazu geleistet wird. - Papalapap! Der gute Mann, selbst Chill-out-Zeremonienmeister des 'Aufschwung Ost' in Kassel, bastelt wahrscheinlich schon an ebenso visionären wie irrsinnigen Plänen für kleine Space-Shuttles, in die sich die Club-Besucher setzen und via Animationen vor oder hinter dem (imaginären) Auge einfach dahinrauschen. Dazu bildet natürlich seine CD den audiophilen Soundtrack, und die Clublandschaft erlebt einen Homelistening-Boom ... - genau! Bei KHAN & WALKER (Harvest / EMI) haben wir es mit einem deutlich schwierigeren Fall zu tun. Die Biographie der beiden Künstler (letzteres ist doppelt zu unterstreichen), Labelmacher und Tonträgereinzelhändler liest sich wie ein Abenteuerdrehbuch, und auch die Musik (halb Progressive-Techno, halb Ambient) der Deutsch-Ungarisch-Finnisch-Türkischen-Freundschaft in New York kann nicht so schnell be-, ge- & ergriffen werden bzw. machen, wenn hier jemand versteht, was ich meine. In jedem Fall planen die tollkühnen Forscher, nach den 'Radiowaves' fünf weitergehende Alben in einer Art Edition miteinander zu verstricken. Das nächste soll bezeichnenderweise 'Empire State Buildung' heißen ... Als mechanisch-rhythmischen Voodoo-Industrial könnte man hingegen das 'Funkturm' betitelte Avantgarde-Werk von OPERATION MIND CONTROL bezeichnen (D.O.R. / Semaphore). Wer das komplette Album bei entsprechender Lautstärke in einem Stück hört, dürfte mit schweren psychischen Störungen belohnt werden, so unaufhaltsam zermürbend wirkt diese Mischung aus hallenden Sample-Loops und schrillen Rhythmen. Thema des Albums sind die Versuche der amerikanischen Regierung, in den 60er Jahren Menschen(=Massen) mit Techniken und Drogen zu manipulieren. Allein mit der Verabreichung dieser CD dürfte das selbst heute noch problemlos funktionieren. Auch die 'Lo Recordings Vol. 2' sind kein klassisches Beispiel (so es das überhaupt geben kann) für diese Rubrik, letztendlich verfügen aber auch sie über die bezeichnenden 'novelty waves'. Einer streng konzeptionellen Kollaboration gleich finden sich hier zwölf exklusive Tracks von interessanten Aufeinandertreffen unterschiedlichster Klangforscher, deren Tiefe, Vielschichtigkeit und Stilunabhängigkeit kaum zu (er)fassen ist. Mit dabei sind u. a.: DAVID TOPP & BEDOUIN ASCENT, SCANNER & DAVID CUNNINGHAM, LOL COXHILL & PAUL SCHUTZE. Very, puuuhhh, very strange material! Schon bei 'Lo Recordings Vol. 2' involviert, hier (= auf dem längenangebenden Album '01 Hour, 01 Minute, 1 Second') jedoch geradezu erholsam wirkend, sind John Tye und Ex-HYPNOTIST Peter Smith aka MLO auf ihrem neuen Album (Semaphore) sowohl tanzend im Club als auch vor sich hin groovend auf dem Sofa zu genießen. Noch ruhiger und entspannter (was nicht zum Trugschluß 'belangloser' führen darf) kann und sollte den Veröffentlichungen von Martin Lee Stephenson zugehört werden. Während er mit David Salvi BLUE WATER SCHOOL ins Leben rief und auf 'Physics' berechnende Soundscapes mit mystischen Samples und anstrengenden Loops belegte, ist sein neuestes Projekt VULSE (December Dawn / Semaphore) deutlich emotionaler ausgerichtet. Dennoch ist der teils minimalistisch sphärische und dann wiederum detaillierte 'Dark Ambient mit NeoClassical-Einschlag' (wie mir das Info weismachen will) auch bei Zuhilfenahme von bewährten Stilmitteln selten in der Lage, eine Aura wie beispielsweise BIOSPHERE zu erlangen. Eine weitaus gelungenere Fusion aus experimentellem Anspruch und konsumierbaren 'antipodean' Soundscapes liefert die 100%ige Pflicht-Compilation 'Environments' (Think Comm. / Semaphore), zu der fünf australische Forscher(teams) jeweils zwei Tracks ohne jeglichen Ausfall abliefern, weshalb ich gerne das Presseinfo zitiere: 'A journey (through our own environments) transcending numerous styles of electronic music from pure ambience to bubbling electro dub, which will appeal to a broad cross section of listeners seeking an intelligent listening experience.' Und das tun wir doch alle, oder?



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aus Intro #31 (Februar 1996)
 
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