BEWERTEN
 

Ministry

»Filth Pig«

[WEA / VÖ: 26.01.1996 ]

Text: Autor unbekannt

Ohne MINISTRY (und die YOUNG GODS) würde es diese perfide Mixtur, die entsteht, wenn man via Sampler Gitarren in ansonsten vollelektronisch gemachte und auch bewußt so klingende Musik einspeist, unter Umständen bis heute nicht geben. Ohne den Erfolg ihres ‘92er Erfolgsalbums 'Psalm 69' wären wir allerdings auch von all den non- bis semi-relevanten Combos verschont geblieben, die versuchen, in die Fußstapfen der Herren Jourgensen und Barker zu treten, indem sie mehr oder weniger eindeutig stupide EBM- und noch stupidere Metalelemente nebeneinander stellen. Diese zwei Bemerkungen am Rande, um kurz den Stellenwert der Band zu markieren. Fast vier Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung erscheint dieser Tage mit 'Filth Pig' ein neues MINISTRY-Album, das von seiner Grundstimmung her schon fast an 'The Land Of Rape And Honey' von ‘88 erinnert: depressiv bis zum Abwinken und irgendwo im Todesstreifen zwischen Apathie und Agonie hin und her kriechend.

Keine sich cholerisch überschlagenden Riffgewitter wie bei 'Jesus Built My Hotrod' mehr. 'Filth Pig' ist so stoisch, daß es phasenweise fast stumpfsinnig wirkt. Wer sich allerdings, z. B. durch die erste Singleauskopplung 'The Fall', inspiriert fühlt, die CD zur Hintergrundbeschallung zu nutzen, sollte damit rechnen - früher oder später - hinterrücks von einer marodierenden Bande atonaler Lärmkaskaden überrollt zu werden. MINISTRY verweigern sich immer noch gängigen Rockismen, was auf den ersten Blick durchschaubar wirkt, widersetzen sich immer dann, wenn man meint, sie gerade festnageln zu können, sämtlichen anwendbaren Formeln. Barker und - vor allem - Jourgensen tun ausschließlich ihrer eigenen Erwartungshaltung Genüge, ... und die ist für Außenstehende ähnlich einseh- und nachvollziehbar wie die Reaktionen eines schizophrenen Dreijährigen. Da, wo die unzähligen Epigonen immer von neuem an der Unfähigkeit scheitern, sich aus dem Rock-Kontext zu lösen, funktioniert Rock'n'Roll im Falle MINISTRY nur als Dekonstrukt. Hübsch anschaulich dargestellt am Beispiel des DYLAN-Covers 'Lay Lady Lay'. Ausgehend von der hippiesken Originalversion hat das Duo den Song Scheibchen für Scheibchen sauber seziert, quasi den guten alten Robert Zimmerman in die hauseigene Pathologie geschleppt, um mal eben nachzuschauen, ob er innen schon stinkt, und das Ergebnis für sich selbst sprechen lassen. 'Filth Pig' besitzt nicht das revolutionäre Potential von 'Twitch' oder 'Land Of Rape And Honey' (wie denn auch nach dem unglaublichen Erfolg von 'Psalm 69'?) und wird wohl kommerziell nicht an den Vorgänger herankommen (wie denn ...), dokumentiert allerdings eindrucksvoll, daß Jourgensen und Barker ihren Enkeln immer noch um Lichtjahre voraus sind.



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