BEWERTEN
 

COURTNEY PINE

»Modern Day Jazz Stories«

[Verve / PolyGram]

Text: Autor unbekannt

Der Saxophonist und Jazzmusiker COURTNEY PINE hat schon immer den Hang gehabt, sehr eigene Ideen in seiner Musik umzusetzen. Seit Beginn seiner Karriere hat er es in der britischen Jazzszene schwer gehabt, da er lieber mit SOUL II SOUL und MICA PARIS jammte, statt 'richtigen' Jazz zu machen. Mit seiner neuen Platte nähert er sich diesmal musikalisch wie kompositorisch unerforschtem Neuland und beweist damit einmal mehr seinen Drang zu unkonventionellen Taten. PINE scheut sich nicht, mit Hilfe eines Computers zu komponieren, um das Ganze dann von einer hochkarätig besetzten Band bei höchstens zwei Versuchen (dabei war ein zweiter Versuch nicht einmal nötig) einspielen zu lassen.

Wo andere Musiker versuchen, möglichst sauber und perfekt zu klingen, sucht PINE den menschlichen Fehlerfaktor ebenso wie Spontaneität und auf den Moment bezogene Interaktion (die, wie er verspricht, auch die Live-Hörerschaft mit einschließt). Vieles von dem, was COURTNEY PINE in den Linernotes zu 'Modern Day Jazz Stories' schreibt, erinnert an die Grundzüge der oral tradition in Afrika: Improvisation, Spontaneität, Kollektivcharakter der Musik. Indem er darüber hinaus mit Hilfe modernster Technik arbeitet, ergänzt und verfremdet, bricht er diese Tradition gleichzeitig wieder. Wie PINE dies alles zusammenbringt, hört man auf dieser Platte. Auch musikalisch den Extremen verpflichtet, finden sich hier neben der 'Cover'version des BILLIE HOLIDAY-Songs 'Don't Explain' (hier gesungen von der göttlichen CASSANDRA WILSON) ausgedehnte, Bebop-artige Improvisationsexkurse. Und wenn man schon einen DJ dabeihaben will, warum dann nicht gleich einen ehemaligen Weltmeister? Ein wirklich schlimmer Finger! GREG OSBY ist in dieser Hinsicht keine Haaresbreite besser. So wurde er vom amerikanischen Jazzjournal 'Down Beat' zum Jazz-Rebellen des Jahres 1993 ernannt (neben LESTER BOWIE). Grund hierfür war das Album '3-D Lifestyles', welches harten Streetrap mit seinem expressiven Saxophonstil zusammenkochte und zum sogenannten 'Streetjazz' garte. OSBY ging und geht dabei von dem Ansatz aus, daß die Inhalte der Raps auch mittels Musik umzusetzen sind. Sein neues Album 'Black Book' ist untertitelt mit den Worten 'A Collection Of Lyrical Essays Set To Now Music'. Tatsächlich ist nur eines der zehn Stücke rein instrumental. Statt jedoch ausschließlich auf die Härte des/der Raps zu setzen, läßt GREG OSBY diesmal verstärkt etwas einfließen, das sich 'Jazzoetry' nennt und von einer insgesamt viermündigen Gruppe namens THE BETNIX eingebracht wird (soll heißen, Jazz-Dichtung im Gewand der 60er im Geist der 90er Jahre). Dieser Umstand macht die Musik oft weicher und etwas verspielter, was nichts anderes heißt, als daß OSBY hier mehr Raum für sein eigenes Spiel hat, wobei er aber keinesfalls an Ausdruck einbüßt. Höhepunkt des Albums ist eindeutig das dreiteilige 'Fade To Black Medley', das zuerst durch die Gegenwart schwarzer Urbanität streift, um schließlich die aufbauende Kraft der Musik zu beschwören. So wie PINE bestimmte Traditionen einfließen läßt, sucht OSBY ebenfalls nach einem Brückenschlag zwischen den Generationen. Musik mit dem Geist des Alten und der Kraft der Jugend.



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