BEWERTEN
 

Horst Stowasser

»Freiheit pur - Die Idee der Anarchie: Geschichte und Zukunft«

[Eichborn Verlag, ISBN 3-8218-0448-3, 397 S., DM 44,-]

Text: Autor unbekannt

Das Gespenst der Freiheit revisited I + II. Frei nach diesem abgewandelten Buñuel-Zitat will ich heute zwei Bücher über eine alte, aber zumeist mißverstandene Idee vorstellen: den Anarchismus. Daß Anarchie einen Zustand des Nichtvorhandenseins von Herrschaft bedeutet, ahnen wohl viele. Daß sich dahinter das absolute Chaos verbirgt, denken - fälschlicherweise - heute immer noch die meisten Fehlinformierten. Dieses Mißverständniß auszuräumen haben sich die beiden hier vorzustellenden Bücher zur Aufgabe gemacht.
Das erste bemüht sich als Standardwerk, die wesentlichen theoretischen, historischen und praxisrelevanten Fragen an den Anarchismus zu beantworten.

Am Beispiel der neuzeitlichen libertären Bewegung stellt der Autor sowohl Persönlichkeiten - u. a. Proudhon, Bakunin, Landauer, Durutti - als auch konkrete Versuche mit der Umsetzung der Idee - so in der russischen Revolution, im spanischen Bürgerkrieg und im Mai ‘68 - vor. Ein weiteres zentrales Thema ist der sog. Projektanarchismus, wie er in vielen selbstorganisierten Strukturen (u. a. Genossenschaften und Siedlungsgemeinschaften) gelebt wird. Insgesamt ist das Buch nicht zu kopflastig und relativ leicht zu lesen. Beim Schmökern stellt sich immer wieder heraus, daß der Anarchismus im Grunde genommen einen paradiesischen Zustand anstrebt und eine wahre Wundertüte für die Lösung vieler unserer heutigen Probleme darstellt.
Etwas anderes ist die Biographie von Werner Lange, bei der es sich um die spannende Lebensgeschichte des Marineoffiziers, Großwildjägers, Sozialrevolutionärs, ökologischen Vorkämpfers und Afrikakenners Hans Paasche handelt. Bekannt wurde dieser vor allem durch sein utopisches und zivilisationskritisches Buch \"Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland\" (ISBN 3-924444-01-3) und durch seine revolutionären Schriften \"... ändert Euren Sinn\" (ISBN 3-924444-49-8). Es wurde höchste Zeit, daß Paasche zurück ins Bewußtsein gerufen wird, was dem Kapitän a. D. in kraftvollen Bildern gelingt. Deutlich kommen die Sympathie, die er dem Pazifisten entgegenbringt, und die genaue Kenntnis der verschiedenen Orte der Handlung zum Tragen - Lange erweist sich dabei vor allem als hervorragender Kenner des Lebens in Afrika. Dadurch liest sich \"Hans Paasches Forschungsreise ins innerste Deutschland\" teils wie ein Abenteuerroman alter Schule, teils wie ein um Authentizität bemühtes Geschichtsbuch. Spannende und bewußtseinsbildende Lektüre ist bei beiden Werken gewährleistet.



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aus Intro #31 (Februar 1996)
 
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