Tocotronic
»Ich hab' zwei Abende mit Euch verbracht«
[07.11.95, Gelsenkirchen, Kaue ca. 550 Besucher]
Text:
Stefan Epping
Alle waren sie an diesem naßkalten Dienstag zur Kaue gekommen: Der Punkrockjunge mit LAG WAGON-Shirt, der Alt-Hippie in lila Latzhose, der BOXHAMSTERS-Fan mit eingekreistem A auf seinem Parka, und selbstverständlich durften Freunde der "Hamburger Schule" auch nicht fehlen (schönen Gruß an den engstirnigen, verkrampften Oberklugscheißer, der mich nachher im Café mit seinen ständigen Vergleichen zu "wichtigeren STERNE- und BLUMFELD-Erlebnissen" nervte - merk mal was!).
Pünktlich gegen 21.30 Uhr ging es dann los. "Ich heiße Arne und spiel' jetzt ein paar Lieder", stellte sich der Schlagzeuger obligatorisch naiv dem Publikum vor, während sich Dirk und Jan auf der Bühne sitzend erst einmal ein Bier gönnten.
Mit den Mitteln ihrer minimalistischen Songstrukturen, verbunden mit einer gewissen Art von Antistar-Koketterie, gelang es der Band schnell, eine glaubwürdige, intensive Beziehung zum Publikum aufzubauen. Egal welcher Song angestimmt wurde (manchmal mußte auch zweimal angestimmt werden), das Volk tobte und pogte sich durch die gesamte Kollektion der beiden Outputs (plus zweier neuer Songs), so daß ich teilweise das Gefühl hatte, mich bei einem OFFSPRING-Konzert zu befinden. Lediglich auf "Es Ist Einfach Rockmusik" (Jan: "Ich kann doch nicht gleichzeitig singen und Baß spielen.") und auf die vorwurfsvolle Hommage an Michael Ende verzichtete man. Wer weiß, wie lange TOCOTRONIC noch gespielt hätten, wäre ihr Repertoire nicht nach ca. 90 Minuten inklusive vier Zugaben bis aufs letzte ausgeschöpft gewesen.
Am nächsten Tag ging's nach Münster zum Gleis 22. Pünktlich um 22.15 Uhr vor Ort anwesend, mochte ich meinen zugegebenermaßen etwas benebelten Augen nicht trauen. Dort standen in Zweierreihen Menschenmassen schätzungsweise bis zum Gleis 5, die nur unmöglich alle im kleinen, gemütlichen Gleis Platz finden konnten. So dauerte es geschlagene 60 Minuten, bis ich den ersten Fuß in das bereits überfüllte Ambiente setzen konnte. Nicht ganz rechtzeitig zum Beginn der heutigen Schweizer Vorband namens NIESELREGEN, Freunde aus der vorderen Reihe berichteten mir aber anschließend von einer "genialen" Band.
Nach Arnes Solovortrag rockte das Trio dann ruck, zuck wieder los, und im Nu herrschte tobendes Chaos. Es war einfach rappelvoll: Die Toiletten waren überfüllt, der Backstageraum wurde kurzerhand zweckentfremdet und wer sonst keinen Platz mehr fand, gesellte sich zu seinen Freunden auf die Bühne. Sichtlich genervt verloren die drei jedoch nicht ihren Humor: "Bitte verhaltet euch doch ein wenig dezenter. Nicht? Okay. Das nächste Stück ist ein Pogoknaller."
Das Konzert selbst beeindruckte wie am vorherigen Tag durch das sympathisch unkomplizierte Flair eines typischen TOCOTRONIC-Gigs. Es wurde wieder lautstark applaudiert und mitgesungen, es wurden wieder bedingungslos Zugaben gefordert (worauf sich die Band aber nur zweimal einließ) und es wurde wieder kräftig am Merchandisingstand gekauft. Doch erstaunlich, wie spektakulär Unspektakuläres sein kann.
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