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»Reflections«
[Infinite Zero / BMG]
Text: Autor unbekannt
Wie so oft im Leben erfahren wirkliche Künstler erst nach ihrem Ableben eine späte Verehrung bzw. heutzutage auch oft eine übersteigerte, medienmanipulierte Ästhetisierung und ein damit einhergehendes Kultgehabe, das Wahrheiten oft verzerrt, um dem Konsumenten dann schmackhafte Brocken hinzuwerfen.
Um es gleich vorwegzunehmen: ICEBERG SLIM alias Robert Beck ist ein Arschloch und Ausbeuter in Reinkultur gewesen; ein Mensch, der auf anderen (besonders Frauen) herumgetrampelt ist und die Hoffnungen und Träume seiner Opfer in der Mühle seines Zuhälter-Universums zermahlen hat. Was ihn aber mehr als überdeutlich von anderen Arschlöchern unterschieden hat, ist die Erkenntnis über seinen eigenen Zustand, dessen Entstehung und die Notwendigkeit einer knallharten und entlarvenden Auseinandersetzung damit.
Alles, was ICEBERG SLIM geschrieben hat, dient einer Aufarbeitung bzw.
der Reflektion seines Lebens. Womit wir beim Titel dieser bereits 1972 erschienenen Aufnahme wären, deren vier Erzählungen gleichermaßen autobiographische Züge tragen wie auch von Charakteren handeln, die ebenso wie SLIM von ihrem Dasein in den amerikanischen Großstädten geformt und geprägt worden sind. All diese Existenzen im Abseits der bürgerlichen Gesellschaft beschreibt SLIM mit einer exakten und dadurch sowohl erschreckenden als auch humorvollen Erzählweise, wobei er größten Wert darauf legt, die Persönlichkeit seiner Protagonisten aufzuzeigen. Würde und Entmenschlichung, Freude und Leiden, Liebe und Haß liegen dicht beieinander und lösen sich oft unvermittelt in den Kreisläufen des Ghettos gegenseitig ab. Untermalt bzw. atmosphärisch verdichtet wird SLIMs Sprache auf 'Reflections' durch den slow swing des RED HOLLOWAY QUARTETTs. Jazz und Dichtung, seit den Tagen des Bebop eine Gemeinschaft, ergänzen sich auch hier auf höchster Ebene.
Wenn dieses Jahr zusätzlich zu dieser Veröffentlichung ein Roman ICEBERG SLIMs erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist (und hoffentlich weitere folgen werden), sollte man aber nicht allzu überschwenglich reagieren, sondern sich statt dessen vergegenwärtigen, daß all das, was SLIM so überaus plastisch beschreibt, nach wie vor die Realität vieler Menschen bestimmt. Insofern spricht man auch besser nicht von einem SLIM-Revival, denn es braucht nichts wiederbelebt zu werden. Es existiert nach wie vor.
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