BEWERTEN
 

Sun God

»Same«

[Original Artists / EFA]

Text: Autor unbekannt

Bei Voodoo muß ich immer gleich an schwüle, südamerikanische Sümpfe denken, in denen wild tanzende Zirkel ihre Rituale vollziehen. Kleine Wachspuppen mit Nadeln durch und so, viel Hokus Pokus und schwarze Männer mit Hüten drauf, die einen komisch angrinsen. Voodoo aber mehr als Magie oder Religion zu verstehen ist das Anliegen von Rodney Orpheus, Frontmann von CASSANDRA COMPLEX und treibende Kraft hinter SUN GOD, einem Projekt, das er zusammen mit Patricia Nigiani (PROJECT PITCHFORK) und Marcus Giljes (u.a. GIRLS UNDER GLASS) ins Leben gerufen hat. Dabei wimmelt es nur so von spirituellen und magischen Themen des Voodoo - Pferde, Loas und die vielen einzelnen Götter, denen auf der neuen Platte jeweils ein Lied gewidmet ist.

Anrufungen nennt Rodney Orpheus diese Technik, und das erinnert dann doch auch stark an heidnische Tanzriten alter SIXTH COMM-Aufnahmen. Auf starken Rhythmen und einem beschwörenden Gesang aufbauend werden hier alte afrikanischen Klangwelten mit moderner Elektronik in Verbindung gebracht. Tribalistische Bewußtseinserweiterung, bei der in Ekstase dann auch ordentlich geschrien und gestöhnt werden darf. Mich erinnert das Ganze auch stark an die Cyberspace-Voodoo-Thematik des Neuromancer-Nachfolgeromans 'Biochips' von William Gibson. Legba, Herr der Straßen und Wege, der Kreativität und der Kommunikation, ist eben überall, vieleicht auch bald im Internet. Mit seinem neuen Soloprojekt RANDOM MIND MACHINE geht Marcus Giltjes noch einen Schritt weiter. Denn hypnotische Drumsequenzen, tribalistisches Trommeln und Geräuschfetzen verbinden sich hier zu einem einheitlichen Gesamtwerk, das ohne die spirituelle Voodoo-Thematik auskommen kann. Hier zeigt sich, daß es Giltjes hauptsächlich um das Ausloten neuer Ausdrucksformen im Bereich der elektronischen Musikproduktion und nicht um eine irgendwie geartete Ideologie geht. Das gegensätzliche Verhältnis von Rhythmus-Geräusch, Struktur-Chaos und Gesang-Samples wird von allen möglichen Seiten beleuchtet und erforscht, wird sozusagen zum Motor der Songs. Zitate gibt's dabei eine Menge zu entdecken, erwähnt sei hier nur das bei 'Mendenem' verwendete TEST DEPT.-Sample der 88er 'Gododdin'-Performance, einem Klassiker des Industrial-Ritual-Genres. Der Gesang von Karin Sherret (SLEEPING DOGS WAKE) beschränkt sich angenehmerweise auf ein paar surrealistische Textfetzen: 'Was ich meinte, war nicht auszusprechen' (aus 'Dogma') beschreibt dabei die Quintessenz der ganzen Produktion. Keine unhaltbaren Aussagen machen, sondern in den Strukturen ein intensives Gefühl zum Ausdruck bringen, das macht dies Album zu einer der angenehmsten Erfahrungen der letzten Zeit.



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