BEWERTEN
 

Lester Bangs And The Delinquents

»John Savages On The Brazos«

[Moll / EFA]

Text: Autor unbekannt

Wo Musikjournalisten selbst musizieren, steht das denkbar Schlimmste zu befürchten. LESTER BANGS schrieb in den auslaufenden 60ern für das New Yorker Mag \"Cream\" und gehörte dort zu den Autoren, die sich selbst als most hip verstanden und glaubten, die Sprache der Subkultur nicht nur zu beherrschen, sondern gar erfunden zu haben. Daß LESTER BANGS über Rock'n'Roll in dessen, wie er glaubte, eigenem Idiom schrieb, sei ihm verziehen. Daß Herr BANGS den Rock'n'Roll lebte und nur durch ein Medikamentencocktail darin gestoppt werden konnte, geschieht ihm recht. Daß er selbst erzeugte Gitarrenklänge auf Band meinte bannen zu müssen, hätte er der Zivilisation nicht antun dürfen.
LESTER BANGS hat mit seiner Idioten-Band nicht etwa für ein \"Meisterwerk der Rockmusik\" gesorgt, wie die Plattenfirma diesen Re-Release rechtfertigt.

Es handelt sich bei \"John Savages On The Brazos\" um den Super-Gau. Wenn es sich doch nur um eine VELVET UNDERGROUND-Kopie handeln würde! In der Tat haben wir es zu tun mit einer Karikatur all dessen, was nach Haight Ashbury kam. Karikatur insofern, als daß BANGS sämtliche spieltechnischen Unzulänglichkeiten der wirklichen Musiker, die er nachahmt, er zu verbessern trachtet, in sich vereint hat. Gleiches trifft für seine Anti-Sangeskünste (ebenso: die harp-Benutzung) zu. Die restlichen bekifften Instrumentenbediener stehen dem Vorturner in puncto Dilettantismus in nichts nach. Das alles ginge ja noch (obwohl ...), wenn nicht die Naivität, mit der dort Klänge und Geräusche in höchst willkürliche und brüchige Raster aus Tonhöhe und Tonlänge gepreßt werden, durch Vehemenz, Wichtigtuerei und drogenverzerrte Intellektualität, wie sie der amerikanischen LSD-Scene damals eigentümlich war, in ihr Gegenteil verkehrt würde. Was dabei rauskommt, galt damals wahrscheinlich als angewandte Kunsttheorie. Forscher BANGS steckt die Grenzen der Musik nach unten hin ab. Fragestellung: Nicht wohin oder bis wohin geht Musik, sondern wo fängt sie an und was geht gerade noch als solche durch. Gut, daß uns das Verständnis für solcherart Grenzgängerei heute abgeht. Was fangen wir also an mit LESTER BANGS? Auslachen. Schließlich befindet sich diese Platte in direkter Nachfolge der \"House Of The Rising Sun\"-Interpretation von HELGE SCHNEIDER, besitzt allerdings den unfaßbaren Vorzug des Nichtintendierten.



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aus Intro #23 (April 1995)
 
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