BEWERTEN
 

Kastrierte Philosophen

»Soldier Non Stop«

[Strange Ways / Indigo]

Text: Autor unbekannt

Unter den KASTRIERTEN PHILOSOPHEN kann ich mir etwas vorstellen. Früher mußte ich eine Brille tragen. Das ist erstens der Grund und zweitens auch. Die Gläser dienten dem Behufe, einen Strabismus zu korrigieren, einen leichten zwar, aber er war stark genug, mich nie in die Richtung von ZION TRAIN, JUDGE \"DRE\", den BUSH CHEMISTS oder sonstwem blicken zu lassen. Ich kenne diese Gestalten nicht, aber wahrscheinlich sind sie sehr wichtig. Immerhin nehmen die es sich heraus, von dem letztjährig veröffentlichten Album \"Soldier\" wahrscheinlich ebenso wichtige Remixe anzufertigen, diese Mischpoke. Ach ja, SNUTEN ist auch noch dabei. Und viele mehr. Die Sinnhaftigkeit des ganzen Unterfangens erschließt sich mir zugegeben nicht komplett bis gar nicht.

Und damit hat die Platte ihren Sinn wahrscheinlich schon erfüllt. Etwaige Kantigkeit des Ausgangsmaterials wird mittels Trancerhythmen dubsmooth geschmirgelt, altbekannte Samples und Ambientgekröse gemeinsam im Dienst der Kommunizierbarkeit. Es geht Entmachtung der Kausalität, ach was, des kompletten Geistes. Alles wird sinnlich wahrnehmbar und rein assoziativ. Also eine Absage an intellektuell verständliche Sinnhaftigkeit. Leute, die so etwas mögen, ohne sich darauf einlassen zu können, und die in ihrer Durchgeistigtkeit verhaftet bleiben möchten, nennen dies dekonstruktivistisch. Ich nenne das SoundkartenkaufsberatungsgesprächbeimfreundlichenVobisHändlerauchinIhrerNähe und gehöre trotzdem dazu. Boris Fust-cover- KYOTO JAZZ MASSIVE Same (For Life Rec. / Ninety-Nine) Im Grunde genommen ist das vorliegende Album der Sparte Jazz-Standards zuzuordnen. Nicht nur, weil wir nunmal (noch) keine separate Jazz-Rubrik innerhalb des Hörtest beherbergen, darf man die Japaner und ihr vorliegendes Album allerdings auch als \"Freispiel\" im Sinne seiner wörtlichen Bedeutung bezeichnen. Hinter dem jazzigen Groove-Konglomerat aus überaus talentierten Musikern & DJs Kyotos verbergen sich unter anderem die nicht nur bei uns schon mehrfach erwähnten MONDO GROSSO. Nach einem auf englisch mit japanischem Akzent gesprochenen Introducing (das scheint mittlerweile essentiell zu sein) rollt der erste massive Jazztrain von eben MONDO GROSSO in den Bahnhof ein. Danach folgt ein Song, dessen Titel Programm dieses Albums ist: \"Melting Pot\". KYOTO JAZZ MASSIVE - das steht in erster Linie für das Verschmelzen unterschiedlicher Kulturgüter über die Musik. Da trifft geradezu selbstverständlich interkontinentaler Jazz-Standard mit der klassischen Achse Bläser/Rhythmusgruppe auf weltliche Musikströmungen, um letztendlich ein eigenes Verständnis von Jazz und wie er klingen soll zu kreieren. Dabei wird sowohl auf traditionell-handwerkliche wie technisch-versierte Methoden zurückgegriffen. Als höchste Maxime gelten die ständigen Vibes, die alle Songs ausgesprochen lasziv vibrieren lassen. Populäre Ausreißer in HipHop-Gefilde bleiben dabei allerdings (von DJ KRUSHs Zusammenarbeit mit der B-BANDJ einmal abgesehen) weitestgehend aus. Macht aber auch nichts, da Songs wie BOSSA FREEs improvisiert erscheinendes Klavieropus samt des unpräzisen Schlagwerks einfach an einen frischen Freestyle-Jam erinnern.
In einem großen Pariser (oder natürlich besser noch Kyotoer) Café aus den 40er Jahren sitzen und bei dieser Musik dahinschwelgen. Musik zur Muße!



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aus Intro #23 (April 1995)
 
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