BEWERTEN
 

EMF

»Cha Cha Cha«

[EMI / VÖ: 02.03.1995 ]

Text: Autor unbekannt

Wenn ich EMF höre, denke ich unweigerlich an den Besuch einer dieser englischen YMCA-Discos, in denen ich damals zum ersten Mal den unvergessenen Gassenhauer \"Unbelievable\" hörte. Hysterisch gestikulierend stürzten alle auf die Tanzfläche und sangen jede einzelne Silbe aus voller Kehle mit. Nur ich saß - betroffen wie der Kollege Branco Zebec Anfang '80 beim Ausscheiden des HSV im Europapokal - auf meiner Bank, ehe ich von einigen Wildgewordenen zum Tanzen aufgefordert wurde. Als ich dann nur einen Tag später von Manchester nach Hause kam, schien es mir, als hätte ich den Titel samt der durch ihn gewonnenen Begeisterung mit über die See gebracht.

Heuer ist nicht nur der Rave, sondern auch die Euphorie um EMFs bis dato einzigen Hit längst in Vergessenheit sowie die Veröffentlichung ihres dritten Albums beinahe in die Bedeutungslosigkeit geraten. Ich habe allerdings nicht nur in bezug auf eine Rezension ein ungebrochenes Interesse an den \"kleenen Poppern\" und nach (zugegeben) mehrmaligem Hören werde ich auch darin bestärkt. Hielt ich mich zunächst nur an den charakteristischen Klischees und deren Erfüllung auf, bemerkte ich doch schon bald weitergehendes Potential in den durchweg ordentlichen Songs. Was die Klischees angeht, so sind es nach wie vor diese jungfräulichen Pop-Harmonien, von denen die meisten Arrangements verwebt sind. Die Stimme dieses Jünglings, wie er beim Singen haucht und nach Atem schnappt, und dazu die beinahe trivial erscheinenden Texte - dies alles grenzt beinahe an puren Kitsch. Zwischendurch überrascht (oder weckt) mit \"Slouch\" allerdings eine abgefahrene Punk-Nummer der Sonderklasse, ehe es mit an YELLO erinnerndem Sound (\"Bleeding You Dry\") und der bekannten EMF-Süße weitergeht. Beim Schlußstück schließlich findet die scheinbare Schizophrenie ihren Höhepunkt, und die gegensätzlichen Pole verschmelzen zu einer seltsam geformten Einheit. In dieser Einheit liegt das Gespür für die geschickte Kombination von poppigen Keyboards, rockigen Gitarren, tonangebender Rhythmik und - ja, und eben dem angenehm naiven Gesang. EMF mögen eine postpubertäre Popband sein, allerdings keineswegs eine beliebige; und das allein macht doch eigentlich heutzutage schon eine britische Popband (von 1000) aus. Fazit: Eine hervorragende Platte für alle ZuhörerInnen, die nicht so schnell zu Ungeduld neigen. Aber das hängt eben (zumindest bei mir) von der Laune ab.



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