Motorpsycho
»Timothy's Monster«
Text: Autor unbekannt
Natürlich ist diese Plattenkritik ein einziges Abfeiern der norwegischen Band. Natürlich kann man diesem Geschreibsel keine Objektivität bescheinigen. Aber angesichts einer sich selbst übertreffenden Formation, angesichts eines Doppel-Albums, das in 100 Minuten vier Dekaden der Rockmusik durchwandert und zusammenfaßt, sie damit fast überflüssig macht in seiner Erhabenheit über abgehalfterten Vergleichen, Kategorien und Versuchen, \"einfach\" zu erklären, wie die Platte entstanden ist, kann das keine(r) von mir verlangen. Abwendung von Härte (wie noch vereinzelt auf \"Demon Box\"), Hinwendung zu Melodie. Keine Hektik, sondern dynamische Intensität, schwelgerisch, sentimental, leidenschaftlich, mutig, gerade 1994 (das \"härteste\" Jahr der Rockgeschichte).
Ich hatte vergessen, wie einen Geigen schlucken machen können (\"Sungravy\"). Ich hatte 10minütigen Steigerungen (\"Giftland\") mit dem Ende von GENESIS (1975) keine Chance mehr gegeben. Ich hatte dem Banjo in der Rockmusik die Lebensberechtigung abgesprochen (\"A Shrug & A Fistful\"). Ich hatte die Gewalt von Samples unterschätzt (\"GrindStone\"). Ich haßte den Garagensound der 60s. Ich hatte lange keine Gänsehaut mehr beim Hören. Nun muß ich mich als Bekehrter sehen. Eine Band, die alle an sie gestellten Erwartungen übertrifft, sie vergessen macht, die zur einzigen Band mutiert, alle anderen zu gutgemeinten Versuchen degradiert. MOTORPSYCHO haben mit \"The Golden Core\" eine nicht enden wollende Steigerung, einen Strudel geschaffen, der in seiner Intensität und symphonischen Breite Gedanken fordert und, gleich einem Lehrsatz, die beruhigende Weisheit vermittelt: \"There is a time for everything, when even you can be a king.\" Warte also, Dein Moment kommt! Kitsch? Simplizismus? Vielleicht, wahrscheinlich, sicherlich. Der Intellektuelle wird dieser Platte nicht einen Deut positiver Seiten abgewinnen, denn sie geht nicht über den Kopf, ist ihm nicht entsprungen und will nicht dorthin. Jedem normalen Menschen entlockt sie aber unter Garantie das letzte bißchen Gefühl. Alle, die sich jetzt fragen, ob ich spinne und was das soll, haben zwei Möglichkeiten: Sie fressen dem \"Monster\" wie ich aus der Hand oder versinken weiter in dem Heer namenloser Techno-, Metal- und HipHop-Mutanten mit konstanter Gefühlsunterkühlung und der Unfähigkeit, dem anderen unprätentiös in die Augen zu schauen. Dort sähen sie nämlich das, was diese Platte will, dort endet die Erklärbarkeit und reduziert sich auf das Einfachste: \"It feels so good to feel again!\"
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