BEWERTEN
 

Blumfeld

»L'Etat Et Moi«

[Big Cat / RTD / VÖ: 16.03.2007 ]

Text: Autor unbekannt

Der Versuch einer Rezension oder 'Von einem Blatt, das unbeschrieben vor mir liegt und Fragen stellt'. Aller sprachlichen Begrenztheit zum Trotz erwische ich mich sogleich bei intellektfördernden Diskursen mit vertrackter Denker-Lyrik, den Kunstwerken und deren schier unbegrenzten Interpretationsmöglichkeiten. Bereits die Schreibweise des Titels führt an die Konfrontation mit dem Album heran. Ob groß (L'Etat = der Staat) oder klein (L'état = der Zustand) wird offengelassen, und dies nicht, um sich vor einer Entscheidung zu drücken, sondern um des bewußten Offen- und Überlassens willen. Ganz im Sinne der Schreibweise des Albums will ich denn auch Einzelinterpretationen der Texte jedem selbst überlassen.

Diesbezüglich könnte schon das gesprochene Titelstück, in welchem Distelmeyer, ausgehend vom 'Selbst' mit bilderreicher Sprache, in der jedes einzelne Wort seine Daseinsberechtigung hat, richtiggehend spielt, so daß es den Hörer zunächst sprachlos zurückläßt und mehr oder minder komplexe Themen wie Deutschland/Europa, Kurt Cobain, der Zwist mit Tom G. Liwa (FLOWERPORNOES) und noch viel mehr in rasender, überfordernder Geschwindigkeit abhandelt, problemlos ein Buch füllen. Textprobe: 'Rock'n'Roll hat meinem Leben einen neuen Sinn gegeben, den Faden wieder aufzunehmen, drehte ich mich nach allen Seiten, wie auf's Äußerste gedichtet etwas rauszukriegen wäre.' Sprache umfassend und radikal zu benutzen und als Konsequenz die Auseinandersetzung oder vollständige Ignoranz ohne Platz für Kompromisse zu fordern, ist eine Eigenschaft, die (nicht nur) in Deutschland verschwindend wenige besitzen. Distelmeyer gelingt es immer wieder, aus dem eigenen und damit auch unserem wesensnotwendig beschränkten Mikrokosmos auszubrechen und sich über ihm die großen, auch politischen Kontexte zu erschließen und damit dem Makrokosmos mit ironischer Distanz zu begegnen. Dieses allein genügt bereits, um die nach 'Ich-Maschine' schon sehr hoch gesteckte Erwartungslatte problemlos zu überspringen und aus 'L'Etat / L'etat...' nicht nur ein herausragendes, sondern auch zeitloses Werk zu machen. BLUMFELD sind natürlich immer noch vor allen Dingen 'der politisch und sexuell anders denkende' Jochen 'mehr Dichter, aber verdammt noch mal auch Gitarrist' Distelmeyer, Eike 'Du hast den Groove' Dr. Bohlken und André 'Profi-Schlagwerker' Rattay. Nur durch das Dazutun der bewußt monotonen Reduktion erzielen die Songs ihren Wirkungsgrad. Die Offenheit der Schlußakkorde (trotz eindeutigem Dur/moll in hinreichendem Maße) macht die meisten Songs deutlich eingängiger und melodischer. Was auf der 'Ich-Maschine' zuweilen noch postpubertär verkrampft daherkam und Innen- und Außenwelt trennte, kommt nunmehr mit weniger Ecken und Kanten aus. Dies spiegelt sich in Musik und Gesang (!) durch einen warmen Grundtenor ('Draußen Auf Kaution', 'Evergreen') wieder, beschert vereinzelt sogar ein paar 'badababas' in STEREOLAB-Manier, ist manchmal zornig, dann wieder zaghaft und nachdenklich still. BLUMFELD sind erwachsen geworden, ohne dabei zur Schnittmenge aus Denker-Pop und neudeutscher Liedermacherattitüde zu verkommen - Romanciers und moralische Anstalt in Personalunion. Danke, Jochen.



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